
Auf bestimmte Worte reagiere ich allergisch. Beispiel: herausfordernd, nachhaltig – so was von abgedroschen und inhaltsleer. Bei mir ein typischer Fall von »déformation professionnelle«, wie das in Frankreich heißt. Berufsbedingte Verformung: pingelige Juristen, rechthaberische Lehrerinnen, korrigierende Journalisten.
Das ist nichts gegen den heiligen Zorn, der mich beim Wort Schrottimmobilien packt. Das System: Kriminelle verfrachten Menschen aus osteuropäischen Ländern in baufällige Häuser, knöpfen ihnen überhöhte Mieten ab und geben ihnen fingierte Arbeitsverträge. Die niedrigen Löhne stockt der Staat mit Bürgergeld auf, was ihnen die Kriminellen abnehmen. Besonders betroffen sind Städte im Ruhrgebiet. Wenige Wochen vor den Kommunalwahlen in NRW tritt die SPD die Debatte völlig überflüssig los (Schrottimmobilien gibt’s dort seit Jahren). Tenor: Wir tun was!
Keine Frage: Das System ist kriminell. Von den kriminellen Hintermännern ist allerdings nicht mehr die Rede. Bei Schrottimmobilien denkt man jetzt an: rumänische Großfamilien, Einreise ins deutsche Sozialsystem, Aufstocker, Abzocker. Dank der SPD, flankiert von der CDU (das spart der extremen Rechten das Geld für Werbekampagnen).
Just zu dem Zeitpunkt, als die Koalition über Verschärfungen beim Bürgergeld debattiert (siehe Wirtschaftshokuspokus). Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigt dann an, die Preise pro gemieteten Quadratmeter zu deckeln, um Jobcenter vor überzogenen Mieten zu schützen. Die Jobcenter, nicht die Menschen! Keine Frage: Wucher-Mieten sind generell ein riesiges Problem. Irgendwas dazu von der Bundesregierung gehört? Nein.
Aber wenn’s um Menschen in Armut und ohne Arbeit geht, besinnen sich die Koalitionsparteien auf die Bibel: »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.« Geheiligt sei der Zorn. Ich wünsche euch schöne Weihnachten!
Michaela Böhm
Damit der Chef nicht allein bestimmt
Wellpappe kriselt
Tarifverzicht
Durchbruch in der Nacht