Titel

Damit der Chef nicht allein bestimmt

Wie eine Belegschaft in einem Verlag einen Betriebsrat durchsetzte

Wer keinen Betriebsrat hat, wählt einen. Klingt einfacher, als es oft ist. Geht aber doch. Wie bei einem Kinderbuchverlag in Süddeutschland.

In der Belegschaft brodelte es schon lange. Ob in der Pause oder nach Feierabend – immer wieder redeten die Beschäftigten über das, was sie störte. Wenn die Geschäftsführung im Meeting jemanden bloßstellte. Wenn plötzlich ohne Einweisung ein neues Softwaretool eingeführt wurde. Wenn Kolleg*innen monatelang keinen Urlaub bekamen. Oder andere 100 Überstunden ansammelten. Im Homeoffice mussten sie alles privat zahlen, sogar die Software. »Die Unzufriedenheit war groß«, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Offene Briefe an die Geschäftsführung blieben wirkungslos.

Also beschlossen ein paar Engagierte, einen Betriebsrat zu gründen. »Wir wollen die Zukunft des Verlags demokratisch mitgestalten.« Ein Jahr lang bereiteten sie die Wahl vor, unterstützt von ver.di – ohne dass die Geschäftsführung davon erfuhr. Sie sprachen mit allen aus der Belegschaft. Die Idee fand breite Zustimmung.

Nur nicht bei der Geschäftsführung. Kurz nachdem die Initiator*innen das Schreiben zur Vorbereitung der Wahl übergeben hatten, kippte die vertrauliche Duz-Kultur. »Man warf uns Verrat vor«, berichtet der Betriebsratsvorsitzende. Nach außen gab sich die Geschäftsführung betont gelassen: Ein Betriebsrat sei natürlich legitim. Doch ihr Verhalten sprach eine andere Sprache. Sie zitierte Beschäftigte einzeln ins Büro – offenbar, um Druck auszuüben. Die ließen sich nicht einschüchtern. Der Betriebsrat wurde gewählt.

Nach der Wahl versuchte die Geschäftsführung, die Teilnahme der neuen Betriebsräte an Grundlagenseminaren zu blockieren. Die Begründung: Wegen der hohen Kosten müsse der Bonus der Belegschaft gekürzt werden. Zum ersten Mal sprach der Betriebsrat von Behinderung der Betriebsratsarbeit.

Inzwischen gehört die betriebliche Mitbestimmung zum Alltag, erste Verbesserungen sind erreicht. Doch auch heute, viele Monate nach der Wahl, möchte der Betriebsrat anonym in der DRUCK+PAPIER bleiben, um die Zusammenarbeit nicht zu gefährden. Dass der Betriebsrat im Frühjahr bei den Wahlen erneut antritt, steht außer Frage. »Wir haben noch eine Menge vor.«

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