Porträt

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Wie die Jungfrau zum Kinde

Harald Pürzel, Konzernbetriebsratsvorsitzender der SWMH: Warum an ihm so viele Ämter hängen bleiben

S12-13-ARTIKEL--Harald Pürzel

In die Gewerkschaft eintreten, das kam für Harald Pürzel nicht in Frage. Er wollte den Kapitalismus abschaffen und dass das mit den deutschen Gewerkschaften nichts werden würde, lag für ihn auf der Hand. Als sich seine Kolleg*innen eines Abends in einer Wirtschaft verabredeten, um einen Betriebsrat zu gründen, ging Pürzel trotzdem mit. Kurz darauf war er Betriebsratsvorsitzender der Buchhandlung Hillenbrand. Bis heute kann er nicht so ganz erklären, wie das eigentlich passiert ist. »Ich bin da quasi dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde.«

Es waren die späten 1980er-Jahre in München, Pürzel war Anfang 20 und hatte gerade seine Ausbildung zum Buchhändler abgeschlossen. In seiner Freizeit las er Hans Magnus Enzensberger und schwärmte vom katalonischen Anarchismus. Gelegentlich besuchte er Treffen der »Marxistischen Gruppe«, eines linken Theoriezirkels, der für seinen intellektuellen Dünkel bekannt war und dafür, wilde Diskussionen in Seminaren an der Universität vom Zaun zu brechen.

Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen. Heute ist Pürzel Konzernbetriebsratsvorsitzender der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), einem der größten Medienkonzerne Deutschlands, Betriebsratsvorsitzender des Hüthig Jehle Rehm-Verlags und seit mehr als zwei Jahrzehnten Vorsitzender von ver.di München. Viel hat sich verändert in dieser Zeit. Wenn Pürzel seine Geschichte erzählt, erzählt er immer auch die Geschichte von ver.di.

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Klare Worte. Schon vor 20 Jahren. Konzernbetriebsratsvorsitzender Harald Pürzel bei einer Protestveranstaltung in München vor der Süddeutschen Zeitung. 

Abschied von den Herrenrunden

Harald Pürzel trägt eine Halbglatze, einen weißen Blazer und einen knallroten ver.di- Button am Revers. Er hat immer viel zu tun. Im Eingangsbereich des Hochhauses der Süddeutschen Zeitung, in dem er sein Büro hat, kommt alle paar Minuten jemand mit einem Anliegen auf ihn zu. »Wann kann ich mal bei dir im Büro vorbeischauen?«, fragt einer. »Hast du das schon mitbekommen?«, ein anderer und drückt ihm einen Flyer in die Hand. »Muss ich mich noch näher damit beschäftigen«, sagt Pürzel, aber natürlich weiß er, worum es geht. »Die Geschäftsführung hat Teile der fremdvergebenen IT wieder eingegliedert. Weil sich überraschend herausgestellt hat, dass das doch eine dumme Idee war mit dem Outsourcing.« Das »überraschend« betont er auf eine Art, die keinen Zweifel daran lässt, dass absolut nichts an diesem Vorgang überraschend war.

Harald Pürzel kommt ursprünglich aus einem konservativen Haushalt. Sein Vater war bayerischer Ministerialbeamter, politisch stand er am rechten Rand der CSU. Gemeinsam sahen sie sonntags im Fernsehen den »Internationalen Frühschoppen« und begeisterten sich für die Herrenrunden der Regierungspartei. »Als Kind lässt man sich das natürlich eingehen, dass die CSU das schöne Bayern erfunden hat.« Aber naturverbunden wie er sei, »hab’ ich irgendwann gemerkt: Die betonieren ja alles.« Pürzel ging demonstrieren, baute sich einen linken Freundeskreis auf, stritt mit dem Vater und wandte sich ab von Konservatismus und rechten Ideen. So gründlich, dass ihm auch die Gewerkschaften lange zu weit rechts standen.

Das änderte sich erst mit der Betriebsarbeit. Mit seinem Mandat als Betriebsratsvorsitzender der Buchhandlung Hillenbrand hatte Pürzel auch immer mehr mit der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) zu tun. »Es gab dort viele kämpferische Gewerkschafter, die klare Linien gezogen haben zwischen Kapital und Arbeit«, sagt Pürzel. »Oft waren das auch DKPisten.« Die hätten wenig darüber geredet, dass sie Kommunist*innen seien, dafür aber sehr gute Gewerkschaftsarbeit gemacht. Pürzel ging jetzt nicht mehr zu seinem alten Theoriezirkel; für ihn stand nun die betriebliche Praxis im Vordergrund. Er wurde Mitglied in der Gewerkschaft und wurde in die Tarifkommission und den Ortsvorstand der HBV gewählt.

Kein Karrierist

Als die Buchhandlung Hillenbrand pleiteging, wechselte er in den Versandhandel des Rehm-Verlags. »Auf der allerersten Betriebsversammlung stand da eine überforderte Betriebsratsvorsitzende, die nach der Begrüßung einfach das Wort an die Geschäftsführung gegeben hat.« Mehr als 20 Jahre ist das jetzt her und Pürzel guckt immer noch gequält, wenn er davon erzählt. »Das konnte ich nicht mitansehen.« Bei der nächsten Wahl kandidierte er selbst für den Betriebsrat. Das Amt hat er bis heute.

»Ich hab’ mich nie gerissen um diese Ämter.« Auch nicht um den ver.di-Vorsitz. Im Gegenteil: »Wir wollten das alle nicht machen.«

2001 war das. Das Jahr der ver.di-Gründung. Pürzels Gewerkschaft HBV verschmolz mit vier anderen Gewerkschaften zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Der hauptamtliche Münchner Geschäftsführer sollte aus der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) kommen, der ehrenamtliche Vorsitzende aus der HBV. Aber in der HBV wollte das Amt niemand haben – die Postgewerkschaft sprang ein. »Das Ergebnis gefiel uns nicht. Der Mann kam aus der eher rechten Sozialdemokratie – sein Führungsstil und seine politische Haltung waren uns fremd.« Als der Postgewerkschafter nach kurzer Zeit die Stadt wechselte und das Amt zurückgab, stand fest: »Das darf uns nicht noch einmal passieren.« Pürzel grinst. »Also hab’ ich das Amt auch noch angeklebt gekriegt und seitdem bin ich es nicht mehr losgeworden.«

Wie die Jungfrau zum Kinde, wieder einmal. Es ist ein Ausdruck, den Pürzel häufig verwendet, wenn er von seinen Ämtern erzählt. »Er hat nie auf die Karriere geschielt«, sagt Georg Wäsler, der 25 Jahre lang als Gewerkschaftssekretär mit Pürzel zusammengearbeitet hat. »Angebote, in die Hauptamtlichkeit der Gewerkschaft zu wechseln, hat er immer abgelehnt. Er meinte, es braucht starke Leute im Betrieb.«

Als der Rehm-Verlag von der SWMH aufgekauft wurde, wurde Pürzel in den Konzernbetriebsrat gewählt. Zur Südwestdeutschen Medien Holding gehören 130 Medien von der Stuttgarter Zeitung über den Schwarzwälder Boten bis zur Süddeutschen Zeitung. Das permanente Ein- und Ausgliedern von Konzernteilen gehört bei der SWMH quasi zum Tagesgeschäft. Mal werden Druckereien in eine eigene GmbH ausgegliedert und die Belegschaft entlassen, mal eine Abteilung in München aufgelöst und die Belegschaft aufgefordert, fortan nach Stuttgart zu pendeln.

Nicht stromlinienförmig

Wenn Harald Pürzel über diese Konflikte spricht, bleibt er ruhig, aber aus seinen Worten trieft der Zynismus. »Kein Wunder«, findet er es, dass sein Verlag Rehm gleich drei Geschäftsführer hat, die – er zieht eine Augenbraue hoch – »von den Beschäftigten gezahlt werden müssen.« Zwei der Geschäftsführer könnten längst in Rente gegangen sein, »aber klar, dass sie bleiben, da sparen sie sich die Heizkosten daheim.« Ruhiges Auftreten, klare Worte. Nicht nur, wenn es um die Kapitalseite geht. Auch was ver.di betrifft, spricht Pürzel offen über alles, was ihn stört. »Er ist wirklich alles andere als ein stromlinienförmiger Funktionär«, sagt Gewerkschaftssekretär Georg Wäsler. Pürzels größter Erfolg: »Dass er es trotzdem schafft, Mehrheiten hinter sich zu versammeln.«

Meistens zumindest. Auf dem jüngsten ver.di-Bundeskongress hat Pürzel einen Antrag gestellt, dass nur noch in Ausnahmefällen Menschen ohne betriebliche Erfahrungen Gewerkschaftssekretär*innen werden sollten. Aber eine Diskussion darum kam nicht zustande. Der Antrag wurde zur Ablehnung empfohlen. Ärgerlich, findet Pürzel. »So werden teilweise Leute Gewerkschaftssekretär, die noch nie einen Betrieb von innen gesehen haben.« Obendrein würden immer mehr Aufgaben an externe Berater ausgelagert. Noch ein Ärgernis. Manchmal, findet Pürzel, gerate ein bisschen in den Hintergrund, wofür ver.di eigentlich stehe: »Eine Gewerkschaft ist eine Kampforganisation. Das dürfen wir nie vergessen.«