Porträt

Von einem, der nicht alles wegsteckt

Gelassen, beharrlich, aber ungern Prellbock: Betriebsratsvorsitzender John De Loach | Attacken und Abwehrkämpfe bei der Tiefdruckerei TSB

»Tue Gutes und rede darüber.« Damit kann John De Loach nichts anfangen. »Was soll man da sagen«, grummelt der Betriebsratsvorsitzende der Tiefdruckerei TSB und zuckt die Schultern. Er sitzt in der ersten Reihe im großen Saal des ver.di-Bildungszentrums in Bielefeld beim Branchenseminar für Betriebsräte aus Tiefdruck- und Rollenoffsetbetrieben. Das Thema: Betriebsratswahlen 2022, Erfolge darstellen, für ver.di werben. »Das weiß die Belegschaft doch alles.« Das Gute spricht für sich. Findet er.

Abspalten, auslagern, entlassen

Im vergangenen Jahr sind bei TSB der Anerkennungs- und der ergänzende Firmentarifvertrag verlängert worden. Mitten in der Pandemie. Die Arbeitsplätze für die 255 Beschäftigten in Mönchengladbach sind bis Dezember 2023 sicher. ver.di-Mitglieder erhalten weiterhin jedes Jahr ihren Bonus – also fast alle in der Produktion. Der Organisationsgrad ist hier fast so hoch wie bei Volkswagen. Allerdings richtet sich die Arbeitszeit jetzt nach Auftragslage: Gearbeitet wird zwischen 32,5 und 37,5 Wochenstunden. Keine Stunde ist unbezahlt. Doch wer weniger als die üblichen 35 Stunden arbeitet, verliert Lohn.

Abspaltungen, Auslagerungen, Entlassungen, Einkommensverluste, all das hat die Belegschaft des Familienunternehmens miterlebt. In guten Zeiten zählte sie fast 1.300 Kolleg*innen. Inzwischen gibt es auf dem Firmengelände vier Klassen: Beschäftigte in der Binderei und im Hochregallager mit Tarifen aus anderen Branchen, Leiharbeitskräfte von Dekra und Beschäftigte bei Tabel – in der Druckindustrie bekannt als Dienstleister, der bereit ist, gesamte Belegschaften auszuwechseln. Wer für Tabel das Werbeblatt »Einkauf Aktuell« einlegt, hat keinen Tarifvertrag und keinen Betriebsrat. Anders TSB. Sie ist die einzige (firmen-)tarifgebundene Tiefdruckerei in Deutschland.

Das Kesselhaus war Johns letzter Arbeitsplatz vor der Freistellung.

 

Das Beste für die Kolleg*innen

So gut wie alle zwei Jahre wird neu über die Arbeitsbedingungen und den Lohn verhandelt. Mit dabei ist John, 58. Wer mit ihm in der betrieblichen Tarifkommission sitzt, kennt ihn als beharrlich. Einer, der nicht beim ersten Gegenwind aufgibt. Der an einer Forderung so lange festhält, bis auch er einsehen muss, jetzt geht nichts mehr. Der selbst in der finalen Fassung des Haustarifvertrags noch kleine Unsauberkeiten entdeckt und sie korrigiert. »An oberster Stelle steht für John, das Beste für die Kollegen rauszuholen«, sagt Jörg Krings, der bis vor Kurzem der zuständige Gewerkschaftssekretär war. Der Geschäftsführer der TSB-Gruppe, Udo Bogner, sieht das ähnlich. »Herr De Loach schaut nicht auf seine eigenen Vorteile.«

Umso mehr trifft es ihn, wenn ihm jemand vorwirft, eigene Interessen zu verfolgen oder mit dem Chef zu kungeln. Jörg Krings dachte oft: »Mit John hätte ich nicht tauschen wollen.« Er und Willi Vogt, damals Leiter des ver.di-Landesfachbereichs in Nordrhein-Westfalen, haben immer wieder erlebt, wie John den Unmut der Kolleg*innen abbekam. Wie er persönlich herabgesetzt wurde. »Damit fällt es ihm schwer umzugehen«, sagt Willi Vogt. Selten haut er auf den Tisch. Öfter zieht er sich zurück.

Bei Warnstreiks um höhere Löhne ist die TSB-Belegschaft immer dabei.

Wie vor zwei Jahren. Die Nachricht an John stand auf einem Zettel. Von dem Block mit dem karierten Papier, das die Betriebsräte immer benutzen, wenn sie sich über wesentliche Vorgänge informieren. Ein Satz, hingekritzelt: »In der Sitzung wird die Vertrauensfrage gestellt.«

John De Loach liest die Nachricht und fürchtet zusammenzubrechen. Es sind die ständigen Konflikte im Gremium, die ihm zusetzen, die jahrelangen Angriffe gegen seine Person, dazu wieder einmal schwierige Haustarifverhandlungen, der schwerkranke Schwiegervater und der Vorwurf, der Betriebsrat – allen voran John – tue nichts gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. »Ich sollte als der Schuldige herhalten.« Er kann nicht mehr. Bevor ihn der Arzt krankschreibt, sagt er noch zu den Betriebsratskollegen: »Lasst uns das vertagen. Ich stehe euch Rede und Antwort, sobald ich zurück bin.«

John ahnt nicht, dass ihn die Mehrheit des Gremiums an diesem Tag abwählt. Die Aktion ist inszeniert. Es ist Sommer, viele Betriebsräte sind in Urlaub, die Ersatzmitglieder lassen sich instrumentalisieren. Der Drahtzieher, dem Sympathie für Rechtsextreme nachgesagt wurde, der Teile der Belegschaft aufstachelte, mit eigener Liste bei den Betriebsratswahlen antrat und immer wieder John attackierte, ist inzwischen nicht mehr im Betrieb. Mit Abfindung ausgeschieden.

Das Messer im Rücken

An diesem Tag wird John in seiner Abwesenheit aus dem Vorsitz geschasst, ohne dass er sich verteidigen kann. Auf seiner persönlichen Werteskala rangiert ein solches Verhalten im Minusbereich. »Mir ist das Messer in den Rücken getrieben worden.«

Sätze, die so viel von sich preisgeben, sagt er selten. Lieber andere. Dass ihn nichts aus der Ruhe bringen kann. Dass er unerschütterlich ist. Optimistisch. Souverän. Passt ja auch zu dem Kerl: groß, breit, einst Ordner bei Heimspielen von Borussia Mönchengladbach inmitten der Ultras der gegnerischen Mannschaft im Stehplatzblock.

John, der Gelassene. Den gibt es. Das kann TSB-Geschäftsführer Udo Bogner bestätigen. »Wenn ich mich aufrege, wartet Herr De Loach völlig unbeeindruckt, bis ich mich wieder beruhigt habe, und macht dort weiter, wo wir aufgehört haben.«

John ist längst wieder Betriebsratsvorsitzender. »Wenn er sich entschließt, wieder zu kämpfen«, sagt sein Stellvertreter Kurt Bolten, »ist er voll da.« Versucht, das Beste rauszuholen, und spricht nicht drüber.

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USA: Dem Rust Belt entkommen

Manchmal färbte sich der Himmel rot. Immer dann, wenn das Stichloch am Hochofen aufgestoßen wurde. Hochofenabstich. Stahlstadtkinder wie John kennen das. Er ist nicht weit von der großen Stahlfabrik Sharon Steel in Ohio aufgewachsen. In einer kleineren Stahlfabrik verdiente sein Vater bis zur Rente sein Geld. Doch er wollte nie, dass John, der Jüngste seiner acht Kinder, bei Sharon Steel arbeitet. »Vielleicht dachte er, im Stahlwerk würde ich immer Hilfsarbeiter bleiben. Unsere Generation war zwar die erste, die von der Bewegung um Martin Luther King profitierte. Aber gleichwertig waren wir nicht.« Martin Luther King, Sprecher der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner, wurde 1968 ermordet. Da war John De Loach fünf Jahre alt.

Vermutlich wollte De Loach senior seinen Jüngsten auch vor der Arbeitslosigkeit bewahren. Denn in den 1970er-Jahren verschwanden immer mehr Arbeitsplätze in der Stahlindustrie. Bald rauchte kein Fabrikschlot mehr; der Stahl setzte Rost an. Die Gegend, in der John aufwuchs, gehört heute zum Rust Belt, dem Rostgürtel: einst florierende Eisen- und Stahlindustrie in den USA, die wie ein Gürtel mehrere Bundesstaaten von New York bis zum Mittleren Westen umschloss; heute Symbol für den Niedergang der Industrie und Verheißung für viele weiße Arbeiter, denen der Republikaner Donald Trump vor seiner Wahl zum Präsidenten 2016 neuen Wohlstand versprach. Daraus wurde nichts.

Auch Donald Trump ist Geschichte. Dass er kein zweites Mal Präsident wurde, dafür sorgte auch John De Loach. Seit vielen Jahren hatte er 2020 erstmals wieder per Briefwahl abgestimmt, um Trumps erneuten Einzug ins Weiße Haus zu verhindern. John, der Themen wie Politik und Religion im Betrieb meidet, machte keinen Hehl daraus, dass die Vereinigten Staaten einem wie Trump keine weiteren vier Jahre anvertraut werden dürften. »Wenn er noch einmal drangekommen wäre, hätte ich die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.«

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Deutschland: Gutes Bier und kein Tempolimit

Ins Stahlwerk sollte er nicht, aber gegen die Army hatte Johns Vater nichts einzuwenden. Dort wurde John als Telekommunikationsspezialist ausgebildet und nach Deutschland versetzt. Super, dachte sich John: »Deutschland hatte einen guten Ruf: leckeres Essen, gutes Bier, eine super Partykultur, uralte Städte und eine Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.« Er muss über die illustre Charakterisierung von damals lachen. Zu seinem Glück schickte ihn die Army in den kleinen Stützpunkt Grefrath/Rheinberg. Die US-Amerikaner*innen wurden dort nicht in Kasernen untergebracht, sondern bezogen private Wohnungen und lernten schneller die deutsche Sprache. Mit seiner deutschen Frau kehrte John vier Jahre später in die Staaten zurück, qualifizierte sich zum Instandhalter und ließ dann doch alles hinter sich: die Army und die Vereinigten Staaten. Seit 1993 ist er bei TSB.