Menschen & Meinungen

Was man gegen die Attacken tun kann

Interview mit Albrecht Kieser

DRUCK+PAPIER: Ein Unternehmen geht systematisch gegen einen Betriebsrat vor mit dem Ziel, ihn aus seinem Job zu drängen: Kommt das häufiger vor?

Albrecht Kieser: Alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, haben den Eindruck, dass das sogenannte Bossing, also Mobbing von oben durch Chef oder Geschäftsführung, zunimmt. Genauso wie die Bekämpfung von Gewerkschaften oder Betriebsräten, die unter dem Schlagwort Union Busting bekannt ist.

Was wird Betriebsräten konkret angetan?

Üble Nachrede, Körperverletzung, Verstöße gegen Paragraf 119 Betriebsverfassungsgesetz, wonach sich jemand strafbar macht, wer Betriebsratsarbeit behindert – nichts wird ausgelassen. Wir kennen Beispiele, in denen Computer manipuliert, falsche Arbeitszeitabrechnungen untergeschoben, Betriebsräte von Detektiven beschattet oder tätlich angegriffen werden. Selbst wenn es den Angegriffenen gelingt, die Lügen aufzudecken und derlei Methoden gerichtlich verbieten zu lassen, machen die hartgesottenen ‚Gewerkschaftsfresser‘ weiter.

Und was macht die Justiz?

Die kennt sich auf diesem Gebiet leider viel zu wenig aus. Für Juristen ist die Schikane von Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften ein Thema, zu dem sie an der Universität nichts hören. Dazu kommt Personalmangel an den Gerichten. Insgesamt führt das dazu, dass diejenigen, die so strategisch gegen Arbeitnehmerrechte vorgehen, inzwischen das Gefühl haben, sie würden ohnehin nur das tun, was eine Mehrheit in der Gesellschaft für richtig hält.

Interview-Albrecht-Kaiser

Journalist Albrecht Kieser von www.work-watch.de geht Fällen nach, in denen Arbeitgeber mit rechtlich fragwürdigen Methoden gegen unliebsame Beschäftigte oder Betriebsräte vorgehen.

Wo kommt dieser Eindruck her?

Ich glaube, wir haben es schon länger mit einem politischen Paradigmenwechsel zu tun. In den Zeiten, in denen Unternehmen einer weltweiten Konkurrenz unterliegen, gelten die Rechte von Arbeitnehmern und die Mitbestimmung als Störfaktoren. Der Kündigungsschutz etwa verhindert, dass Chefs schalten und walten können, wie sie wollen. Gewerkschaften, so wird häufig von Arbeitgeberseite behauptet, würden mit ihrem kollektiven Ansatz, für alle Kolleg/innen gute Bedingungen erreichen zu wollen, etwas Gestriges sein, das auf die individuellen Interessen des Arbeitnehmers keine Rücksicht nimmt. Beschäftigte und Arbeitgeber sind aber keine Vertragspartner, die auf Augenhöhe verhandeln.

Haben die Gewerkschaften das Problem erkannt?

Inzwischen schon. In den vergangenen drei, vier Jahren sind mehr und mehr Initiativen gegen das Bossing entwickelt worden. Es gibt zunehmend mehr Beratungsangebote bei Mobbing gegen aktive Beschäftigte, Gewerkschafter und Betriebsräte.

Was hilft gegen Bossing?

Betroffene oder Gewerkschaften sollten auf Betriebsversammlungen darüber informieren. Hilft das nicht, sollten sie unbedingt Hilfe von außen holen – denn im Unternehmen sitzen Chef und Personalabteilung am längeren Hebel. Es kann sinnvoll sein, den Konflikt über lokale oder regionale Medien öffentlich zu machen, Vereine, Politiker oder Kirchenvertreter als Bündnispartner anzusprechen und die Angriffe gegen Gewerkschafter und Betriebsräte nicht nur betriebsöffentlich, sondern auch gesellschaftsöffentlich zu machen. Bossing und Union Busting sind politische Attacken. Dagegen muss politische Solidarität organisiert werden.