Arbeit

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Unter Druck

Pünktlich zur Tarifrunde klagen die Unternehmen noch lauter über sinkende Preise und schrumpfende Gewinnspannen als sonst. Gleichzeitig laufen die Maschinen fast rund um die Uhr und die Beschäftigten arbeiten mehr und flexibler. Was passiert in der Wellpappen- und Faltschachtelindustrie? Und was sind die Folgen? DRUCK+PAPIER hat genau hingesehen.

Nimmt man eine Lupe und schaut auf Nortrup im nordwestlichen Zipfel von Niedersachsen, entdeckt man eine Gemeinde mit 3.000 Menschen, mit einer Wurstfabrik und den Verpackungswerken Delkeskamp. Ein Familienunternehmen mit 508 Beschäftigten, tarifgebunden.

Doch schon im Umkreis sieht es anders aus. 60 Kilometer im Westen ist die Firma Prowell in Schüttorf: tariflos. Gleiche Entfernung im Süden – in Greven hat sich Schumacher niedergelassen. Auch ohne Tarifvertrag. Ein Arbeiter verdient zehn Euro pro Stunde, mal elf oder 13. Urlaubs- und Weihnachtsgeld zahlt der Chef freiwillig; und wenn es ihm passt, zahlt er es nicht mehr. Zuschläge gibt es keine, aber fünf Tage weniger Urlaub und fünf Stunden pro Woche mehr Arbeit als mit Tarif. Weiter zu Zerhusen Kartonage in Damme: auch tariflos. Und im Südwesten stößt man auf die Schweizer Model-Gruppe, die kürzlich P-Well kaufte. Dort arbeitet einer 39 Stunden, verdient elf Euro, hat nur 27 Tage Urlaub und kein Recht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld und Zuschläge. Tariflos eben.

 

Eingekreist von Tariflosen

Die Firma Delkeskamp ist umzingelt von Betrieben ohne Tarifbindung. Kein Einzelfall. Etwa die Hälfte der rund 150 Wellpappbetriebe in Deutschland ist nicht tarifgebunden. Es ist ein Wettbewerb mit ungleichen Mitteln: Tariflose geizen bei den Löhnen und Gehältern ihrer Beschäftigten. Das macht es leicht, den Kunden mit niedrigen Preisen entgegenzukommen.

Für tarifgebundene Unternehmen bleibt das nicht ohne Folgen. Kürzlich vereinbarte Delkeskamp mit dem Betriebsrat, ganz tarifkonform, die Hälfte der Jahresleistung aufs nächste Jahr zu verschieben. Nicht gestrichen, nur verschoben. »Dennoch macht das die Belegschaft unruhig«, berichtet Kornelia Haustermann von ver.di. Die Kollegen und Kolleginnen fürchten weitere Einschnitte.

Denn die Unternehmen klagen quer durch die Republik, dass die Preise für Wellpappe und Faltschachteln absacken und die Gewinnspannen kleiner werden. Im Schnitt ist der Preisverfall nicht ganz so dramatisch wie behauptet. Doch in manch einem Betrieb wird beinahe zum Selbstkostenpreis produziert, fast ohne Gewinn. Hauptsache, die Maschinen laufen. Hauptsache, der Auftrag geht nicht an die Konkurrenz. »Wir wissen, dass Mitbewerber Aufträge annehmen, deren Preise um zehn bis 15 Prozent unter unseren liegen«, erzählt Werner Kulack, Betriebsratsvorsitzender bei DS Smith in Minden.

 

Verschärfter Preiskampf

Doch statt das Angebot knapp zu halten, damit die Preise wieder steigen, machen die Wellpappenunternehmen genau das Gegenteil: Sie vergrößern ihr Angebot, indem sie weitere Anlagen bauen. Wieder geht es nach Nortrup. Delkeskamp hat dieses Jahr eine neue Wellpappenanlage in Betrieb genommen mit einer Kapazität von rund 120 Millionen Quadratmeter pro Jahr. Genauso groß wie die komplett neue Anlage von Schumacher in Greven von 2015. Und Zerhusen in Damme baut gerade sein eigenes Wellpappenwerk. Kapazität: 140 Millionen Quadratmeter. Macht drei neue Anlagen innerhalb von zwei Jahren.

Das heizt den Preiskampf weiter an. Schon im vergangenen Jahr sagte Uwe Jahrsetz, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von DS Smith: »Die Unternehmen schmeißen immer mehr Kapazität auf den Markt, in der Folge rauschen die Preise in den Keller und das Produkt wird immer billiger. Und wer zahlt die Zeche?«

 

Firmen fordern Gratisarbeit

Tarifgebundene Unternehmen setzen die Betriebsräte unter Druck: Die Arbeit soll billiger werden, damit sie mit den Tariflosen mithalten können. Das wollen sie etwa durch eine Maschinenauslastung rund um die Uhr erreichen. Also wird von Zwei- auf Drei-Schicht-Betrieb umgestellt. 
Und oft die Arbeitszeit verlängert. Sie argumentieren, dass tariflose Unternehmen ihre Belegschaften 
39 oder 40 Stunden pro Woche arbeiten lassen und somit mehr Arbeit fürs gleiche Geld bekämen.

Das hätten die Tarifgebundenen auch gern. Und deshalb drängen sie die Betriebsräte, längeren Arbeitszeiten zuzustimmen – was nach Tarifvertrag zulässig ist. Ansonsten, drohen sie, stünden Arbeitsplätze auf dem Spiel. Oft sind die Stunden unbezahlt. Wie bei Klingele in Werne. 2,5 Stunden arbeiten die rund 215 Beschäftigten gratis. Seit vielen Jahren. Ende des Jahres läuft die Betriebsvereinbarung 
dazu aus.

Kein Einzelfall. Etwa ein Drittel der tarifgebundenen Betriebe nutzt die Öffnungsklausel. Damit erlaubt der Tarifvertrag, die Arbeitszeit mit oder ohne Lohnausgleich auf maximal 38 Stunden zu verlängern; ist die Arbeitszeitverlängerung unbezahlt, sind betriebsbedingte Entlassungen im Gegenzug ausgeschlossen.

Und jetzt auch der Faltschachtelproduzent Edelmann. Vier Millionen Euro müssten am Stammsitz in Heidenheim eingespart werden, erklärte die Geschäftsführung dem Betriebsrat. Andernfalls würden 80 Beschäftigte in der Produktion und zehn in der Verwaltung entlassen. Zuerst strich die Geschäftsleitung die Prämie; jeder Beschäftigte verliert pro Monat 200 bis 250 Euro. Weitere übertarifliche Leistungen wurden gekappt und schließlich die Arbeitszeit verlängert: 2,5 Stunden mehr, davon zwei gratis, eine halbe Stunde geht auf ein Zeitkonto.

»Wir hatten überhaupt keine Wahl«, sagt Betriebsratsvorsitzender Hans Schneiderhan. Entweder der Betriebsrat akzeptiere die Arbeitszeitverlängerung oder Abteilungen müssten verkauft werden. Von der IT, dem Stanzformenbau und der Druckvorstufe war die Rede. Das hätte rund 50 Beschäftigte den Tarifschutz gekostet. Den Kompromissvorschlag der ver.di-Mitglieder bei Edelmann, eine Stunde unbezahlt zu arbeiten und eine weitere aufs Konto zu schieben, lehnte die Geschäftsführung ab. »Die Belegschaft akzeptiert zähneknirschend«, berichtet Schneiderhan und muss in der Presse lesen, dass der Umsatz des Unternehmens im vergangenen Jahr um sechs Prozent auf 252 Millionen Euro gestiegen ist, Edelmann sich in Brasilien einkauft und eine Beteiligung in Indien anstrebt sowie für mehrere Millionen Dollar die US-Firma Bert-Co kaufte. Während die Belegschaften gratis arbeiten. Nicht nur in Heidenheim – ähnliche Vereinbarungen gibt es auch in den Edelmann-Werken in Leverkusen, Weilheim und Lindau.

Die tarifgebundenen Unternehmen stehen unter Druck. Zweifellos. Schließlich hat die tariflose Konkurrenz geringere Kosten. Kein Zustand, dem man tatenlos zuschauen müsste. ver.di hat den Arbeitgeberverband HPV aufgefordert, gemeinsam Allgemeinverbindlichkeit zu beantragen. Dann würde jeder Beschäftigte landauf, landab Tariflohn verdienen, egal ob der Betrieb tarifgebunden ist oder nicht. Doch das hat der Arbeitgeberverband für die Papierverarbeitung abgelehnt. »Das lässt nur einen Schluss zu: Die tarifgebundenen Unternehmen nutzen den Verweis auf die Schmutzkonkurrenz dazu, Arbeitsbedingungen in ihren Betrieben zu verschlechtern und Löhne zu senken«, erklärt Andreas Fröhlich von ver.di.