Wiederverwerten statt wegschmeißen
Mehr Recycling, weniger Müll: Was die neue EU-Verpackungsverordnung vorschreibt und wie sich Hersteller in Deutschland darauf einstellen

Am Rande Hamburgs gibt es einen Supermarkt, der in Wahrheit keiner ist. In den Regalen liegt Obst – aber nicht in Styropor und Plastik verpackt, sondern in Körbchen aus Papier. Dosen werden statt von Schrumpffolie aus Kunststoff von Pappgriffen zusammengehalten. Und ein paar Meter weiter findet sich Flüssigwaschmittel als »Bag in Box«, wie man es vielleicht von französischem Landwein kennt.
Der vermeintliche Supermarkt ist Teil des »Experience Centers«, das der Verpackungskonzern Smurfit Westrock in seiner Deutschland-Zentrale in Hamburg eingerichtet hat. Kund*innen können sich hier über neue Verpackungsideen informieren, aber auch an Workshops teilnehmen. Einer der Schwerpunkte: Nachhaltigkeit. Wie können Verpackungen ressourcenschonender, recyclingfähiger, umweltfreundlicher werden? »Das treibt unsere Kundinnen und Kunden zurzeit am meisten um«, sagt Oliver Thieme, der die insgesamt fünf »Experience Center« in Deutschland managt. »Das Interesse daran ist regelrecht explodiert.«
Grund ist die neue Verpackungsverordnung der Europäischen Union. Das Regelwerk macht Vorgaben unter anderem zu Recyclingfähigkeit, Mehrwegsystemen und der Verwendung recycelter Materialien. Ab dem Jahr 2030 sind mehr als 50 Prozent Leerraum in Verpackungen ebenso verboten wie manche Einwegprodukte. Schrumpffolie zum Beispiel. Das Ziel: Bis 2040 soll die Menge an Verpackungsabfällen in der EU um 15 Prozent im Vergleich zum Jahr 2018 sinken.
Lobbyarbeit der Industrie
»Das wird auch zu unseren Lasten gehen«, sagt Thieme. »Aber wir können damit leben.« Denn Hersteller wie Smurfit Westrock, die Papier, Pappe und Karton verarbeiten, haben vergleichsweise gute Karten. Ihre Produkte können, zumindest wenn es sich nicht um Verbundverpackungen mit Aluminium oder Kunststoff handelt, nahezu vollständig recycelt werden – und werden es auch tatsächlich. Damit erfüllen sie bereits heute eine strenge Vorgabe, die die EU-Verordnung erst ab 2038 macht.
Von den Vorschriften zu Mehrweg und Wiederverwendung wurden Verkaufs- und Transportkartons aus Wellpappe, anders als zunächst geplant, dagegen ausgenommen. Intensive Lobbyarbeit der Industrie machte es möglich.
Passgenau verpackt
Smurfit Westrock setzt darauf, dass Kund*innen von Kunststoffen auf Kartonage umsteigen. Was dabei alles möglich ist, lässt sich im »Experience Center« besichtigen – von den Ideen fürs Supermarktregal bis zum Transportschutz für eine ganze Autostoßstange, der ohne Styropor oder Schaumstoff auskommt. Und damit der Online-Handel künftig nicht Kartons in zahllosen Größen bunkern muss, um Leerraum beim Versand zu vermeiden, gibt es Kisten, die sich auf unterschiedliche Größen falten lassen. Oder Endloswellpappe, die beim Händler per Hightech zu passgenauen Paketen geformt wird.
Wie das irisch-amerikanische Großunternehmen, das in Deutschland rund 5.000 Menschen an mehr als 30 Standorten beschäftigt, legt auch Konkurrent DS Smith Wert darauf, das Thema Nachhaltigkeit nicht erst mit der angekündigten Neufassung der EU-Verpackungsverordnung für sich entdeckt zu haben. »Wir sind gut aufgestellt, um die Anforderungen der Verordnung zu erfüllen«, sagt Lukas Beßler, Marketing-Manager für die rund 20 Standorte des britischen Verpackungsherstellers in Deutschland und der Schweiz. Und das nicht nur, weil vor allem hoch recyclingfähige Wellpappe eingesetzt wird.
Komplett recycelbar
»DS Smith hat fünf Kreislauf-Design-Prinzipien für Verpackungen entwickelt, um eine nachhaltigere Kreislaufwirtschaft zu fördern«, erklärt Beßler. So werde bei der Gestaltung neuer Verpackungen seit mehreren Jahren standardmäßig geprüft, ob der Anteil von Recyclingmaterialien erhöht, der Materialeinsatz verringert oder die Palettenausnutzung beim Transport verbessert werden könne. Kund*innen biete man zudem an, die Kreislauffähigkeit ihrer Verpackungen zu analysieren. Ein digitales Tool messe dabei unter anderem, zu wie viel Prozent ein Produkt recyclingfähig ist oder wie groß sein CO2-Abdruck ist.
Deutlich größer ist das Problem durch die EU-Regularien für Hersteller, die Kunststoffe einsetzen. Der finnische Konzern Huhtamaki produziert in Ronsberg im Ostallgäu flexibles Verpackungsmaterial insbesondere für die Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Detlev Schulz ist hier für Produktnachhaltigkeit zuständig. Er sagt: »Schon 2019 haben wir entschieden: Wir müssen alle Produkte auf den Prüfstand stellen.« Unter dem Label »Blueloop« werden seither Verpackungen entwickelt, die komplett recycelt werden können, weil sie als sogenannte Monomateriallösungen nur noch aus einer Sorte Kunststoff bestehen. Bei Tuben wird auf die klassische Versiegelung mit Aluminium verzichtet. Und Papier wird mit einer derart hauchdünnen Beschichtung undurchlässig gemacht, dass es anders als bisherige Verbundverpackungen in der Altpapiertonne landen kann.
Vorschriften schwer zu erfüllen
»Für den größten Teil unseres Portfolios verkaufen wir die Blueloop-Lösungen schon an die Kundschaft oder sind auf dem Weg zu einer Lösung«, sagt Schulz. Sorgen bereite der Branche jedoch, dass die EU ihre Definition von Recyclingfähigkeit erst in zwei Jahren veröffentlichen will – was unter anderem Farben oder Klebstoffe betreffe. Ein Unsicherheitsfaktor. Außerdem wird befürchtet, dass die Vorschriften für die Verwendung recycelter Kunststoffe schwer zu erfüllen sein könnten, weil es schlicht nicht genug geeignetes Rezyklat gibt. Eine Studie im Auftrag der deutschen Kunststoffindustrie prognostizierte für das Jahr 2030 eine Versorgungslücke von bis zu 30 Prozent.
Billig oder nachhaltig
Dann ist da noch die Sache mit dem Preis: Etliche der umweltfreundlicheren Verpackungen sind deutlich teurer als die, die sie ersetzen sollen. Nicht nur bei Huhtamaki. »Stand jetzt«, sagt auch Oliver Thieme im »Experience Center« von Smurfit Westrock in Hamburg, »steht man mit den Kunden immer in einer Kostendiskussion.« Lieber billig als nachhaltig? Die EU-Verpackungsverordnung soll dazu beitragen, dass die Entscheidung häufiger als bisher für den Umweltschutz ausgeht.
Stufenweise Verschärfung
Die neue EU-Verpackungsverordnung gilt ab dem 12. August 2026 in allen EU-Staaten und verschärft sich stufenweise. So steigt der Anteil aller Verpackungsabfälle, der recycelt werden muss, von zunächst 65 Prozent auf 70 Prozent im Jahr 2030. Das dürfte für Deutschland kein Problem sein: Hier lag die Quote nach Angaben des Umweltbundesamts schon vor zwei Jahren bei 69,4 Prozent.
Ab dem Jahr 2030 dürfen nur noch Verpackungen eingesetzt werden, deren Bestandteile zu mindestens 70 Prozent recycelt werden können. 2038 müssen es mindestens 80 Prozent sein. Bei Papier, Pappe und Karton werden diese Ziele bereits heute übertroffen. Bei Kunststoffen sieht das Umweltbundesamt die deutsche Wirtschaft zumindest »auf einem guten Weg«.
Am größten ist der Nachholbedarf beim Einsatz von Recyclingplastik. Derzeit bestehen Kunststoffverpackungen hierzulande lediglich zu 19 Prozent aus recycelten Verbraucherabfällen. Die EU-Verordnung schreibt ab dem Jahr 2030 einen Anteil von bis zu 35 Prozent vor. 2040 müssen es bis zu 65 Prozent sein.
Die Mehrwegquote bei Transport- und Verkaufsverpackungen – auch im Online-Handel – soll bis 2030 auf 40 Prozent und bis 2040 auf 70 Prozent steigen. Kisten aus Kartonage sind davon jedoch ausgenommen.
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