Umweltschutz

Besser vermeiden und wiederverwenden

Neue EU-Verpackungsverordnung bringt die Wellpappenindustrie in Rage

Europa müllt sich zu. Auf fast 190 Kilo ist der Verpackungsabfall pro Kopf und Jahr bereits gestiegen, in Deutschland sind es gar 226 Kilo. Verpackung macht mehr als ein Drittel der festen Abfälle in den Städten und Gemeinden aus. Das soll sich ändern. Die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden.

Dazu soll auch die neue EU-Verpackungsverordnung dienen, über die gerade im EU-Parlament abgestimmt und im Bundestag debattiert wurde. Sie nimmt den gesamten Kreislauf in den Blick – von der Herstellung bis zur Entsorgung. Das Ziel ist jedoch überschaubar: Bis 2040 soll es 15 Prozent weniger Verpackungsabfall geben als 2018 – ein Rückgang auf 150 Kilo pro Kopf in der EU. Das entspricht dem Niveau von 2009.

Oberstes Ziel ist, Abfall zu vermeiden. Unnötige und überdimensionierte Ver- packungen sollen weg. Das spart Energie und Primärrohstoffe (etwa Frischholz für die Papierherstellung). Verboten wird allerdings wenig, beispielsweise Einweggeschirr in Restaurants, Mini-Shampoofläschchen in Hotels, Zuckertütchen in Cafés.

Auf Platz zwei in der Rangfolge steht die Mehrwegnutzung, auf drei schließlich folgt Recycling, die Wiederverwertung. So soll ein Viertel aller Getränkeflaschen bis 2030 EU-weit mehrfach retour gehen. Diese Pfandquote hat Deutschland bereits jetzt weit übertroffen. Nicht aber bei Fast-Food-Boxen und Einweg-Kaffeebechern. Generell gilt: Bis 2030 soll jedwede Verpackung in der EU recyclingfähig sein. Umweltverbänden ist all das zu wenig. Und es gibt es auch richtig Zoff.

Ein Streitobjekt: Kartons und Mehrwegquoten. Die Kontrahenten: Wellpappenindustrie gegen EU. Konkreter Zankapfel: Transportverpackungen für Haushaltgroßgeräte. In wenigen Jahren sollen die bisher vorrangig aus Karton bestehenden Verpackungen für Geschirrspüler oder Waschmaschinen fast alle wiederverwendbar sein, also mehrfach retour gehen. Eine Idee ist, statt Pappe robuste, wasserdichte, mehrfach verwendbare Kisten aus recyceltem Polypropylen einzusetzen.

Keine weiteren Ausnahmen

Dagegen protestieren Kartonagen- und Wellpappe-Produzenten: 8,1 Milliarden Plastikkisten müssten zusätzlich hergestellt werden. Es drohten »elf Prozent mehr Kunststoffverbrauch, 200 Prozent mehr Transportkilometer, 80 Prozent mehr Lagerfläche und um bis zu 400 Prozent höhere Kosten für Packmittel«, ließ der Verband der Wellpappenindustrie in einer Studie ermitteln. Der Verband fordert Ausnahmen für Wellpappe, betont die Umweltverträglichkeit des Packstoffs, der komplett aus nachwachsenden Rohstoffen besteht und beste Recyclingquoten erreicht.

Der Umweltausschuss des EU-Parlaments heizte die Kontroverse Ende Oktober noch an, weil er den Kunststoffbehältnissen großzügig Leerraum zugesteht, während Karton- und andere Verpackungen Platz sparen sollen. Allerdings lenkte der Umweltausschuss etwas ein und halbierte die Mehrweg-Zielquote für Großgeräte-Verpackungen bis 2030. Statt 90 Prozent müssen nur noch 50 Prozent der Transportverpackungen wiederverwendbar sein. Auch kleinere Wellpappeschachteln für Obst und Gemüse bleiben noch erlaubt. Weitere Zugeständnisse soll es nicht geben.

Im Umweltbundesamt sieht man eine klare Abfallhierarchie: Vermeiden sei besser als Verwerten. Denn Recycling brauche immer Energie. Ausnahmen von Mehrwegquoten für Papier, Pappe und Karton würden nicht helfen, den Verpackungsabfall zu reduzieren. Das Umweltbundesamt befürchtet gar »Ausweicheffekte«. Das wäre der Fall, wenn Hersteller von ihren »bislang verwendeten Einwegverpackungen hin zu anderen Einwegverpackungen, nämlich solchen aus Papier-Pappe-Karton umstellen« würden. Was ist besser fürs Klima: Wiederverwendbare oder wiederverwertbare Verpackungen? Das muss sich erweisen. Dass auch Drittplatzierte von Wellpappe & Co mit verstärkten eigenen Anstrengungen zum Ziel der Klimaneutralität beitragen wollen, versichern die Hersteller schon jetzt. Bei Smurfit Kappa sieht man drei Wege zu klimakonformer Verpackung: Art und Größe der Verpackung besser an die Ware anpassen, Kartons emissionsfrei vielfach wiederaufbereiten und weiter nur biologisch abbaubares Material verwenden.

Platz drei

Die Kartons eines Müsli-Hersteller sind schon ziemlich gut: Sie werden mittels 3-D-Scanner aus Wellpappe von Smurtfit Kappa maßgeschneidert. Das spart Raum und Füllmaterial. Weil auch Klebeband für Boden und Deckel entfallen, ist die Wiederverwertung leichter. Aus EU-Sicht landet eine solche Verpackung aber nur auf Platz drei.

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