Frei im Kopf oder mitten im Arbeitsleben
Wer einen kreativen Beruf erlernen will, steht vor der Wahl: Berufsfachschule in Vollzeit oder duale Ausbildung. Doch welcher Weg ist besser? Wer hat später mehr Chancen? DRUCK+PAPIER hat nachgefragt.

Eine klare Antwort gibt es nicht, nur viele Argumente – und eine Tendenz: Der Rückgang in der dualen Ausbildung Mediengestaltung Digital und Print befördert die schulischen Bildungsgänge. Viele junge Menschen wollen weiterhin »etwas mit Medien und Gestaltung« machen, Bedarf ist also da.
In einigen Bundesländern, nicht in allen, bilden Berufsfachschulen Gestaltungstechnische Assistent*innen (GTA) aus. Nach drei Jahren Vollzeitunterricht und Praktika haben die Absolvent*innen eine Berufsausbildung und das Fachabitur. Der Abschluss ist gleich viel wert wie die duale Ausbildung in Mediengestaltung Digital und Print. Ist die Entscheidung also reine Geschmackssache? Keineswegs.
Was raten Berufsfachschulen jungen Menschen mit Interesse an Gestaltung? »Ganz klar: die duale Ausbildung«, sagt Horst Wiedemann, Leiter der Abteilung Gestaltung und Medien am Berufskolleg Technik und Medien in Mönchengladbach. »Das echte Arbeitsleben findet im Betrieb statt – mit Chef, Kunden und Zeitdruck.« Vorausgesetzt, der Betrieb bietet eine fundierte Ausbildung und die Bewerber*innen sind volljährig. Denn Unternehmen bevorzugen Abiturient*innen (oder Auszubildende mit Fachhochschulreife) – idealerweise mit Führerschein.
Ausbildung im Betrieb heißt: Der Kunde beschwert sich jetzt, die Chefin braucht die druckfertigen Daten heute, die Deadline ist real. Schule bedeutet: Die Kundin ist ausgedacht, Fehler lassen sich korrigieren, Fristen sind nur Übungen.
Jüngere oft chancenlos
Für manche junge Menschen bleibt die Berufsfachschule die einzige Möglichkeit, einen gestalterischen Beruf zu erlernen. »Viele berichten, dass sie intensiv versucht haben, einen Ausbildungsplatz zu finden, aber nur Absagen erhielten«, sagt Maria Tsachouridou, Leiterin des Bereichs GTA am Berufskolleg Senne in Bielefeld. Ihre Abteilung ist in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit den meisten Angeboten für schulische Ausbildung in Gestaltung, eine der größten. Jedes Jahr starten fünf Klassen – in den Schwerpunkten Grafikdesign, Produktdesign, Medien/Kommunikation.
Die meisten Schüler*innen sind noch jung, 16 Jahre, schulpflichtig, mit mittlerem Schulabschluss und bringen – wie in Bielefeld – eine große Leidenschaft fürs Zeichnen, Social Media, Anime und Game Design mit. »Manche haben eigene Accounts und drehen Filme«, erzählt Maria Tsachouridou.
Ziel ist die Fachhochschulreife
Anderswo geht es den Schüler*innen vor allem darum, sich beruflich zu orientieren oder die Fachhochschulreife zu erlangen. Der gestalterische Schwerpunkt ist zweitrangig. Wie in der Höheren Berufsfachschule in Mainz. Dort dauert die schulische Ausbildung nur zwei Jahre, inklusive Fachhochschulreife und zusätzliches Praktikum. Wie es nach der Schule weitergeht, ist mit Zahlen nicht belegt. Doch Ehemaligentreffen geben Hinweise: Nur wenige finden direkt in den Job. »Der Abschluss Gestaltungstechnische Assistent*innen wird bei den Unternehmen eher als Berufsvorbereitung angesehen statt als vollwertiger, beruflicher Abschluss«, sagt Holger Frick, Abteilungsleiter Druck & Medien der Berufsbildenden Schule 1 in Mainz. Susanne Peters vom Berufskolleg Glockenspitz in Krefeld bestätigt: »Das ist bei uns ähnlich.«
Anders in Mönchengladbach. Dort fragen Unternehmen gezielt nach Gestaltungstechnischen Assistent*innen, die als weniger festgefahren und freier im Kopf gelten als solche mit dualer Ausbildung. »Unsere besten Schüler*innen können mit gut ausgebildeten Mediengestalter*innen mithalten«, sagt Horst Wiedemann. Die schulische Ausbildung in Mönchengladbach wird von Betrieben im Umkreis anerkannt.
Nach Berufsfachschulabschluss entscheidet sich etwa die Hälfte der Absolvent*innen für ein Studium, berichtet Maria Tsachouridou. Häufig wählen sie verwandte Fächer wie Kommunikations-, Produkt- oder Industriedesign. Ihre Erfahrungen zeigen: Assistent*innen bestehen die Aufnahmeprüfungen leichter und schließen das Studium schneller ab als Kommiliton*innen ohne Ausbildung, die direkt vom Abitur auf die Uni wechseln.
Bildungsschleifen
Nicht selten landen Gestaltungstechnische Assistent*innen nach ihrer Prüfung allerdings in der nächsten Ausbildung – diesmal zu Mediengestalter*innen. Jedes Jahr sitzen fünf bis sechs ehemalige Gestaltungstechnische Assistent*innen bei ihr im Berufsschulunterricht für Mediengestaltung, berichtet eine Lehrerin.
Für Unternehmen ist das eine gute Sache: Die neuen Azubis kennen den Stoff aus der Schule und beherrschen viele Programme. Mit ihnen lässt sich bereits Geld verdienen. Für die jungen Leute bedeutet es oft eine Bildungsschleife: Nach drei Jahren Berufsfachschule folgen weitere drei Jahre Ausbildung. Immerhin verkürzt manch ein Betrieb auf 24 Monate.
Das Problem: Unternehmen bilden weniger Mediengestalter*innen aus. 2024 starteten nur 1.884 Azubis ins erste Jahr, fast 13 Prozent weniger als im Jahr zuvor. In Krefeld gibt es nur noch eine Berufsschulklasse für Mediengestalter*innen, während jährlich zwei GTA-Klassen in den Schwerpunkten Grafik- und Objektdesign sowie Medien und Kommunikation mit insgesamt 50 Schüler*innen beginnen. Ähnlich in Mönchengladbach: zwei volle Berufsfachschulklassen, aber nur zehn Azubis in der Berufsschule.
Je weniger Ausbildungsplätze es gibt, desto größer wird der Druck auf die Berufsbildenden Schulen. Um ihre Lehrkräfte zu halten, entwickeln Schulen neue Bildungsgänge, berichtet eine Berufsbildungsexpertin. Doch weitere Klassen zu eröffnen und mehr Gestaltungstechnische Assistent*innen auszubilden, hält eine Berufsschullehrerin für unverantwortlich. »Es wäre unfair, junge Leute auszubilden, obwohl wir wissen, wie schlecht ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind.«
Fazit: ver.di, die Verbände Druck und Medien, viele Lehrkräfte und der ZFA – die Institution für die duale Ausbildung in der Druck- und Medienindustrie – bevorzugen die Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Allein – es fehlt an genügend Ausbildungsplätzen.

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