Er schaffte das
Der Drucker Majd Alsalhani kam vor zehn Jahren als Geflüchteter aus Syrien. Heute ist er nicht nur im Betrieb unverzichtbar.

Zehn Jahre ist es her, dass Angela Merkel ihren viel zitierten Satz sprach: »Wir schaffen das.« Es war die Hochzeit der Zuwanderung von Geflüchteten. Innerhalb weniger Monate suchten mehr als eine Million Menschen Schutz in Deutschland. Einer von ihnen war Majd Alsalhani, geflohen wie so viele aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Heute arbeitet der 37-Jährige als Produktionsleiter in der Hamburger Druckerei Langebartels+ Jürgens. Er hat sich zum Industriemeister Printmedien weitergebildet und nimmt als Mitglied des Prüfungsausschusses bei der Handwerkskammer selbst Meisterprüfungen ab. Frei nach der ehemaligen Bundeskanzlerin: Er schaffte das. Weil er es wollte. Und weil er Unterstützung hatte.
Erst Drucker
Ende 2015 kam Alsalhani in Deutschland an, nach einer 15-tägigen Odyssee von der Türkei über das Mittelmeer und quer durch den Balkan. So bald wie möglich begann er, Deutsch zu lernen. »Ich wollte arbeiten«, sagt er. Nach einem zweiwöchigen Praktikum bot ihm Eurodruck in Hamburg einen Ausbildungsplatz an. Zwar hatte Alsalhani schon seit seinem Abitur in der Druckerei seiner Familie in Damaskus mitgearbeitet. Doch er entschied sich trotzdem, sein Handwerk noch einmal neu zu erlernen.
Dann Meister
Die theoretischen Kenntnisse hätten ihm gefehlt, erklärt Alsalhani. »Jeden Samstag und Sonntag habe ich mich in die Bibliothek gesetzt und gelernt.« Außerdem besuchte er weiter einen Deutschkurs. »Wenn ich nach Hause gegangen bin, war der Kopf voll – aber ich habe mich gefreut.« Die Zwischenprüfung geriet dennoch mühsam. Brigitte Emmerich saß dem syrischen Geflüchteten damals als Prüferin gegenüber. »Das Wissen war da, nur die Sprache nicht«, erinnert sich die gelernte Druckerin und langjährige Berufsschullehrerin. Um das zu ändern, stellte sich die heute 66-Jährige als Trainingspartnerin zur Verfügung. Fortan trafen sich die beiden regelmäßig. Er zeigte ihr seine Zusammenfassungen des Lernstoffs, sie korrigierte und beantwortete seine Fragen.
Die Abschlussprüfung bestand Alsalhani mit Bravour. Doch zufrieden war er nicht, er wollte Meister werden. Drei Jahre später hatte er auch das geschafft, weiterhin mit Unterstützung von Brigitte Emmerich, die wegen der zunehmenden Komplexität der Themen noch ihren Mann sowie die Betriebswirtschaftlerin Ines Hübner aus der Nachbarschaft mit an Bord holte. Bei der Meisterprüfung beeindruckte Alsalhani die Prüfer*innen derart, dass sie ihn sofort im Anschluss fragten, ob er nicht selbst in den Prüfungsausschuss kommen wolle. »Das fand ich nett«, sagt er leise.
Über seine Erfolge spricht Alsalhani, der mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit hat und ein fast fehlerfreies Deutsch spricht, ohne besonderen Stolz. Bloß beiläufig erwähnt er, dass er bei Eurodruck bis zur Schließung 2024 dem Betriebsrat angehört hat – ohne zu sagen, dass er das Gremium mitgegründet hat und der Vorsitzende war. Umso deutlicher wird seine Mentorin: »Er hat einen ganz starken Willen, sein Ziel zu erreichen. Aber nicht aus Egoismus, sondern mit Respekt allen gegenüber.«
Auch wenn Majd Alsalhani eine Ausnahmekarriere hingelegt hat: Brigitte Emmerich ist überzeugt, dass die übergroße Mehrheit der Geflüchteten ähnlich tickt.
Die meisten Geflüchteten arbeiten
Nach Informationen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Arbeitsagentur gehen von den Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland kamen und im erwerbsfähigen Alter sind, knapp zwei Drittel einer bezahlten Arbeit nach. In der Gesamtbevölkerung ist die Quote mit 70 Prozent nur wenig höher.
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