Buchdruck unter Druck
Schließung von Ebner & Spiegel legt strukturelle Engpässe offen. Im Digitaldruck drohen Überkapazitäten.

»Tut uns leid. Wir haben das Buch nicht vorrätig.« In ganz Deutschland mussten viele Buchhandlungen ihre Kund*innen mit leeren Händen heimschicken. »Die Holländerinnen« war vergriffen. Dorothee Elmigers Roman hatte gerade den Deutschen Buchpreis gewonnen und kam erst nach Wochen in die Läden. Nicht nur ihr Buch war betroffen. Rund um die Frankfurter Buchmesse im Oktober dominierten Lieferprobleme der Verlage die Schlagzeilen.
Kurzfristig geordert
Der Grund: Im Juli schloss CPI Books seine Buchdruckerei Ebner & Spiegel in Ulm und meldete Insolvenz an. Deren Bedeutung für den deutschen Buchmarkt lässt sich an den Zahlen ablesen. Im Geschäftsjahr 2023/24 druckte Ebner & Spiegel fast 14 Millionen Hardcover – mehr als die Hälfte der gesamten Hardcover-Produktion des Mutterkonzerns CPI Books in diesem Zeitraum.
Doch allein die Insolvenz der CPI-Tochter erklärt die Lieferprobleme nicht, sagt Thomas Meyer-Fries, Berater von Betriebsräten in der Druckindustrie. Zwar habe sich die Lage verschärft, weil die Kapazitäten aus Ulm fehlten. Doch die Probleme seien grundsätzlicher Natur. »Das wird sich nicht mehr wesentlich ändern.« Verlage drucken nur noch wenige Erfolgstitel in großen Auflagen und erteilen Druckaufträge immer kurzfristiger. Die Offset-Buchdruckereien bauten deshalb ihre Kapazitäten ab. In den wenigen Wochen, in denen wegen Buchmesse und Weihnachtsgeschäft die Nachfrage steigt, schaffen sie die Aufträge nicht.
Sven Isecke, Geschäftsführer der Bertelsmann-Buchdruckerei GGP Media in Pößneck, sieht eine Lösung in mehr Standardisierung. Er will mit den Verlagen verhandeln: Weniger Formate und Papiersorten sollen Zeit und Aufwand sparen, erklärte er dem MDR. Branchenexperte Meyer-Fries ist skeptisch: »Wer im Geschäft bleiben will, muss Vielfalt bieten.« Andernfalls drohen weitere Auftragsverluste und ein erneuter Kapazitätsabbau, sprich: weniger Personal, weniger Maschinen. Ein Teufelskreis. Zumal viele Verlage ohnehin lieber in Osteuropa drucken lassen, wenn es nicht eilt. Dort ist es billiger.
»Die Branche hat Probleme, keine Frage«, sagt Jan Schulze-Husmann von ver.di. »Aber viele davon sind hausgemacht.« CPI habe nicht nur Ebner & Spiegel geschlossen, sondern auch seine Buchdruckerei Clausen & Bosse im schleswig-holsteinischen Leck »klein gespart«. Der viel beklagte Fachkräftemangel hänge zudem mit mäßigen Arbeitsbedingungen und der zunehmend fehlenden Tarifbindung in der Branche zusammen. »Die Ausbildungszahlen sinken auch deshalb, weil sich junge Leute das nicht mehr antun wollen«, sagt der Gewerkschafter.
Dass Verlage kleinere Auflagen bevorzugen, liegt auch an der Konkurrenz durch den Digitaldruck. Print-on-Demand (Drucken auf Abruf) ermöglicht es, Taschenbücher über Nacht und Hardcover in wenigen Tagen nachzudrucken. Für große Stückzahlen taugt das Verfahren allerdings nicht. Nun steigt auch Thalia ins Geschäft ein: Zur Frankfurter Buchmesse erklärte die Buchhandelskette, mit Elanders Print & Packaging ein eigenes Digitaldruckzentrum in Marl zu errichten. Das schwedische Unternehmen ist weltweit tätig, in Deutschland aber bisher nur mit drei Druckereien in Baden-Württemberg und Bayern vertreten.
Immer mehr Print-on-Demand
Details zu dem Projekt wollte Thalia auf Anfrage von DRUCK+PAPIER nicht mitteilen. Auch Gerüchte, dass ursprünglich CPI als Partner im Gespräch war, kommentierte die Pressesprecherin nicht – »aus Vertraulichkeitsgründen«. CPI selbst versucht seit 2022 zusammen mit dem Buchgroßhändler Zeitfracht, Print-on-Demand auszubauen, bislang mit mäßigem Erfolg. Als Reaktion auf die Thalia-Elanders-Zusammenarbeit veröffentlichten CPI und Zeitfracht ihre Pläne, das Print-on-Demand-Zentrum in Erfurt zu erweitern. Auch die Konkurrenz Libri hatte zuvor ihre Digitaldruckerei in Bad Hersfeld ausgebaut.
»Auf dem Print-on-Demand-Markt entstehen wohl gerade Überkapazitäten, die später wieder abgebaut werden müssen«, sagt Thomas Meyer-Fries. Anders ausgedrückt: Ein harter Verdrängungswettbewerb steht bevor.

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