Aus den Betrieben

Hoch auf der Kutsche

Im Südwesten entsteht ein neues, noch größeres Pressemonopol. Die Südwest Presse schluckt die Stuttgarter Blätter und macht schnell klar, wer der Herr im Haus ist. Für die Belegschaft verheißt das nichts Gutes

Wann immer der grüne Ministerpräsident bei den Verlegern auftritt, erzählt er ihnen vom Musterland der Presse. Von den vielen Zeitungen, der Vielfalt der Meinungen und dem Dienst für die Demokratie, der nicht hoch genug einzuschätzen sei. Das hören die Verleger gerne, weil Winfried Kretschmann sagt, was sie auch immer sagen. Wahrer wird es dadurch nicht. Endgültig zur Propaganda wurden die Sonntagsreden am 28. Mai 2025, als die Ulmer Südwest Presse meldete, ihr Verlag, die Neue Pressegesellschaft (NPG), übernehme alle Blätter der Medienholding Süd (MHS), einer Tochter der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH). Unter dem MHS-Dach erscheinen die Stuttgarter Zeitung, die Stuttgarter Nachrichten, die Eßlinger Zeitung und der Schwarzwälder Bote. Und auf einen Schlag waren die Verhältnisse auf den Kopf gestellt: Ulm regiert in Stuttgart.

Einzige Idee: Kosten drücken

Ein Provinzverlag schluckt das bis dahin größte Pressehaus in Baden-Württemberg, verdreifacht seine Auflage auf 700.000 Exemplare und deckt damit zwei Drittel des Landes ab. Zum Schnäppchenpreis von angeblich 60 Millionen Euro. Ein neues, noch größeres Monopol war geboren. Angeführt von der Verlegerfamilie Ebner, die bis dahin erfolgreich war mit dem stillen Einsammeln von lokalen Titeln, präsidiert von Florian Ebner, der auch schon Vorsitzender des Tischtennisklubs Neu-Ulm war. Ihre bekannteste Figur war Chefredakteur Ulrich Wildermuth, der immer selbst gebackenen Kuchen mit sich führte, wenn er mit dem Zug zum Interview mit Kanzler Kohl nach Bonn reiste.

Wer nun gedacht hatte, ein Sturm der Entrüstung fegte durchs Land, sah sich getäuscht. Die Politik schwieg konsequent, die betroffenen Zeitungen druckten brav die PR-Meldungen ihrer Eigentümer ab, in denen dem Publikum versichert wurde, am Inhalt ändere sich nichts, die Kartellwächter taten, was sie in solchen Fällen tun: Sie nickten ab.

Und die andere Seite? Die Gewerkschaft ver.di konstatiert eine »dramatische Verschärfung der Konzentration«. Ihr Sekretär Uwe Kreft erinnert daran, dass die Redaktionen aller Blätter, in Stuttgart wie in Ulm, bereits jetzt »wie eine Zitrone« ausgepresst und zum »Spielball der Konzerne« würden. Die Betriebsräte befürchten einen Arbeitsplatzabbau »in nie dagewesenem Ausmaß«.

Das lässt Schlimmes befürchten, in der Tat, weil das bisherige Ausmaß schon schlimm genug ist. Ständige Sparrunden, geschlossene und ausgedünnte Redaktionen, stillgelegte Rotationen, Tarifflucht ausgegliederter Gesellschaften – das ganze Programm eines neoliberalen Managements, dem nichts anderes einfällt als Kostendrücken.

Die neuen Herren aus Ulm sind eher noch etwas grober gestrickt, wenn man sich ihren Ober-Geschäftsführer Andreas Simmet zum Vorbild nimmt. Ein Kerl wie ein Schrank, Bayer, früherer Offizier der Luftwaffe, nach eigener Einschätzung »sehr hemdsärmelig«. Am liebsten erzählt er seine Geschichte von der Pferdekutsche: Gezogen wird sie von Menschen, die in die Zukunft wollen. Das sind die Guten. Zurückgehalten wird sie von Leuten, die in der Vergangenheit leben. Die sind noch auszuhalten, weil durch Wortbeiträge (»offenes Visier«) identifizierbar. Und dann sind da noch die Pauschalreisenden, die sich fahren lassen, vorwärts oder rückwärts, ohne Worte. Das seien die gefährlichsten, sagt Simmet.

Auf das Arbeitsleben übertragen heißt das: Ballast muss weg, Schlagzahl, Geschwindigkeit und Effizienz müssen rauf, Loyalität gegenüber dem Kutscher ist oberstes Gebot. Was das konkret bedeutet, geben die Ulmer nicht preis, lässt sich aber an Vorgaben für zuletzt erworbene Blätter ablesen: mehr Texte pro Kopf, Schreiben im Einheitslayout, print und digital, Kontrolle und Steuerung durch Ulm. Intern haben sie bereits wissen lassen, dass sie jeden Geschäftsbereich jährlich auf seine Renditestärke durchprüfen werden.

Was kommen wird, ist das Ende von Zeitungen, die einmal ihr eigenes Profil hatten. Sie dürfen gewiss ihre Titel behalten und auch noch das Wörtchen »unabhängig« darunterschreiben, aber danach steht die »Neue Berliner Redaktionsgesellschaft« der Neuen Pressegesellschaft bereit, den Mantel, also die überregionale Berichterstattung, für alle Gazetten der Medienholding Süd zu übernehmen. Hier befürchten die Betriebsräte einen ersten Kahlschlag. Besonders bitter ist das für die Stuttgarter Zeitung, die sich einst rühmte, Pflichtlektüre im Kanzleramt gewesen zu sein, und nun auf ihrem Weg zum Lokalorgan mit großen Schritten weitereilt.

Das Bluten für die Süddeutsche

Womit wir bei einer besonderen Ironie der Geschichte sind. Beim Ursprung allen Elends, beim Kauf der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2008. Vater der fantastischen Idee war Richard Rebmann, Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding mit Sitz in Stuttgart. Das Weltblatt im Portfolio, das versprach Wachstum, Gewinn und Renommee, allerdings auch nicht ganz billig zu werden, weil die Besitzer gierig waren. 750 Millionen Euro sollte sie kosten, was selbst für die pumperlgsunde SWMH viel war, vor allem für ihre Gesellschafter, die württembergischen Verleger. Sie bekamen plötzlich keine Dividende mehr. Das Zeitungsgeschäft war im freien Fall. Ab sofort musste richtig gespart werden. »Bluten für die Süddeutsche«, hieß es beim lohnabhängigen Personal.

»Asoziale Personalpolitik«

Mit den Schwaben wäre das womöglich noch auszuhalten gewesen, hätte es nicht den zweiten Hauptaktionär gegeben: die Medien Union (Die Rheinpfalz) der Familie Schaub in Ludwigshafen. Die Pfälzer waren die noch größeren Knauser und standen und stehen im Ruf, Zeitungen als journalisten- und gewerkschaftsfreie Zone zu betrachten. Für seine Kostendisziplin wurde das schweigsame Unternehmen jetzt auch bei der Aufspaltung des Konzerns belohnt: der Erwerb der profitablen SWMH-Fachtitel, 150 an der Zahl, soll zu günstigen Konditionen erfolgt sein. Die Rede ist von 80 Millionen Euro.

Und, zack, ist die SWMH »quasi schuldenfrei«. Sagt zumindest ihr CEO Christian Wegner, der jetzt nur noch die Süddeutsche Zeitung als Markenschild am Revers trägt. Jetzt habe man »Kohle«, trug der Vorsitzende der Geschäftsführung der Belegschaft nach der Aufspaltung vor. Ob das Ruhe bringt? Keine weiteren Schließungen von Außenbüros, keinen weiteren Personalabbau, keinen weiteren Abgang von Edelfedern? Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Harald Pürzel, winkt ab. Der 60-Jährige ist seit 2007 im Amt und kennt die »kapitalistische Logik«, die »asoziale Personalpolitik«, die auch bei dem von Pro Sieben gekommenen Wegner Richtschnur war und ist. Übrigens: Harald Pürzel verliert nach der SWMH-Zerschlagung den Vorsitz. Ihm folgen wird Jens Ehrlinger von der Süddeutschen Zeitung.

Die Ansagen von Arbeitgeberseite sind noch vage, aber klar genug, um das Übliche erwartbar zu machen. Sie künden von »Schmerzen« und »Synergien« und »weniger Personal«. Pürzel sagt, der Druck werde »nirgendwo geringer«, eher steige er. Auch wegen der neuen Herren aus Ulm, die nach wie vor gewichtige Anteile an der SWMH halten und im Stile von Kolonialisten einmarschierten. Andreas Simmet, der Mann mit der Kutsche, hat schon mal angekündigt, die Rechtsabteilung, in der er 21 Juristen zählt, aufzulösen. Bei seiner Südwest Presse brauche er keinen einzigen.

Transparenzhinweis: Der Autor ist Mitgründer des gemeinnützigen Onlinemagazins Kontext: Wochenzeitung, das seit 2011 das Medienwesen im Südwesten kritisch begleitet.