Ab Herbst im Weihnachtsstress
Cewe: Wenige Wochen entscheiden über den Jahresumsatz | Tausende von Unikaten in Serie
Die Schneidemaschine hat Vincent Unfried, Industriemeister Buchbinderei, im Griff.

Wer macht all die Produkte? Wer erfindet und produziert sie? DRUCK+PAPIER geht hin und fragt nach.
Im Oktober steht Weihnachten vor der Tür – die härteste Zeit des Jahres. Cewe bereitet sich auf die Hochsaison vor: 100 zusätzliche Kräfte, sechs Arbeitstage pro Woche, 48 Stunden, oft mehr. Der Foto- und Online-Druckdienstleister macht sein Hauptgeschäft mit personalisierten Fotobüchern – jedes Exemplar ein Einzelstück. Ab Oktober packen alle in der Produktion mit an: Personalabteilung, E-Commerce, die freigestellte Betriebsratsvorsitzende, der technische Leiter, der Geschäftsführer. Der Betriebsrat lädt jetzt ein letztes Mal für dieses Jahr zur Versammlung. Nur einmal, der Tarifrunde wegen, fand eine im November statt. Damals schauten die Leute nervös auf die Uhr. »Alles, woran wir denken, ist der 24. Dezember«, sagt Maik Horbas, Geschäftsführer vom Standort Germering.
Bis Weihnachten läuft die Hauptsaison der Fotofinisher, wie Cewe einer ist. In dieser Zeit macht das Unternehmen den größten Umsatz. Sämtliche Kalender, Fotobücher und Grußkarten, die jetzt nicht verkauft werden, bedeuten Verlust. Oder wie eine Beschäftigte sagt: »Das dürfen wir nicht verkacken.«
In Germering, zwei S-Bahn-Stationen vom Münchener Westen entfernt, liegt Cewe. An der Cewe-Straße. Ein schlichtes Gebäude: unten die Verwaltung, oben die IT. Dazwischen verdient der Fotofinisher sein Geld. In der Hauptsaison entstehen hier täglich an die 14.000 Fotobücher. Alle Standorte zusammen verkaufen jährlich mehr als sechs Millionen.
Fotoalben sind nichts Neues. Die gibt es seit über 160 Jahren. Früher klebte man Papierabzüge auf Pappkärtchen und schob sie in Albumfächer. Die Alben waren aufwendig gestaltet, mit Ledereinbänden, Samt und manchmal mit einer Spieluhr, die beim Öffnen eine Melodie spielte.
Hohe Automatisierung
Heute läuft alles anders. Nach dem Bilderknipsen und Hochladen übernimmt die Maschine. Für Eilige erstellt der KI-gestützte Fotobuch-Assistent das Layout in wenigen Minuten. Statt handgeklebter Bastelarbeit gibt es ein professionell gedrucktes Fotobuch – auf Wunsch auf Fotopapier ausbelichtet und mit Layflat-Bindung ohne Falz in der Mitte.
Jedes Fotobuch entsteht, wie und wann der Kunde oder die Kundin möchte. Print-on-demand spart Lagerkosten. Jedes Buch bleibt ein Unikat – trotz Automatisierung und standardisierter Druckprozesse. Die Druckdaten werden durchgängig digital bearbeitet. Zusätzlich können sie von Hand optimiert werden. Die fertigen Produkte schickt die Firma direkt an die Kund*innen oder Drogeriemärkte, der Buchhandel bleibt außen vor.
Trotz Digitalisierung wirkt das Fotobuch wie aus der Zeit gefallen – wie das Radio unter Podcasts und die Landkarte neben dem Navi. Maik Horbas widerspricht. Das Fotobuch sei der Gegentrend zu den Tausenden unsortierter Fotos auf Festplatten: Erinnerungen zum Blättern und Herzeigen. Übrigens eine Domäne der Frauen. Sie gäben Fotos, Fototassen, Fotopuzzle und Fotobücher in Auftrag. Deshalb stehen die Fotostationen auch in Drogerie- und nicht in Baumärkten.
Vieles läuft automatisch: Die Maschine sortiert Aufträge nach Format, Papier, Stärke. Hardcover und Innenseiten entstehen getrennt und werden später »verheiratet«, wie das Zusammenfügen im Fachjargon heißt.
Fünf Druckmaschinen produzieren Kalender, Fotobücher und Grußkarten. David Müns, einer von zwei gelernten Offsetdruckern bei Cewe, ist Experte im Digitaldruck. Er ist so etwas wie der Schweizerdegen – nicht Buchdrucker und Schriftsetzer in einem, aber Buchbinder plus Drucker – mit Zusatzschulungen beim Hersteller. Von Januar bis September arbeitet er als Operator, der eingreift, wenn die Farben zu blass wirken oder Kratzer auf Seiten auftauchen. Ab Oktober, klar, da packt auch er mit an.

Der Mann, der die Digitaldruckmaschinen beherrscht: David Müns
Der Operator mit Doppel-Ausbildung ist die Ausnahme. Die meisten der 90 Beschäftigten in der Produktion sind angelernte Kräfte, die trotz Automatisierung viele manuelle Zwischenschritte übernehmen. Das soll sich ändern. Cewe will mehr junge Leute ausbilden. Derzeit lernen 16 Azubis Berufe von Medientechnologie Druck und Druckverarbeitung bis zu Lagerlogistik und kaufmännischen Berufen.
Super Stimmung, aber zu wenig Geld
Petra Wimmer arbeitet seit 27 Jahren als angelernte Kraft bei Cewe. »Ich habe schon so viele Stationen durchlaufen«, sagt sie und setzt den Gehörschutz wieder auf. Mit der rechten Hand greift sie die nächste Loseblattsammlung – die Innenseiten eines Fotobuchs. Jede Sammlung besitzt eine eigene Flattermarke – einen farbigen Aufdruck, um Verwechslungen zu vermeiden. Sie schiebt die Blätter hochkant in die Führung der Maschine, die daraus den Buchblock fertigt. Sekunden später greift sie den nächsten Packen.
An der letzten Station vor der Verpackung steht Stephanie Witzan. Jedes Exemplar nimmt sie einzeln aus dem Wagen, hält den Barcode unter den Scanner und wartet auf das Symbol auf dem Bildschirm. Der Barcode enthält alle Informationen – Format, Papier, Hard- oder Softcover, Firmenlogo auf der Versandtasche. Zeigt der Bildschirm das Symbol für ein Geschenk, sortiert sie das Buch aus, das wird manuell in einen Geschenkkarton verpackt. Ansonsten legt sie das Fotobuch auf das Förderband, das an einen Flughafen-Check-in erinnert.

Petra Wimmer achtet auf Flattermarken.
»Wir wissen jederzeit, wo sich jedes einzelne Fotobuch befindet«, sagt der technische Leiter Frank Schulz. Das dient der Produktionssteuerung und Information über Lieferzeiten für die Kund*innen. Auch die Leistung der Beschäftigten ließe sich überwachen. Doch das verbietet eine Gesamtbetriebsvereinbarung, betont Betriebsratsvorsitzende Manuela Engl.
In der Produktion gibt es keinen Stuhl und auch keine höhenverstellbaren Stehhilfen. Marga Steinbacher (Name geändert), die im Versand große Kartons für die Drogeriemärkte packt, findet das Stehen und Heben anstrengend. »Mir tut oft der Rücken weh«, sagt die 30-Jährige. »Nach einem Urlaub bekomme ich nach den ersten Arbeitstagen Muskelkater.« Ihre halbe Stelle will sie deshalb nicht aufstocken.
Den Job wechseln? Daran denkt sie nicht. Sie schätzt den kurzen Arbeitsweg (»Eine Fahrkarte könnte ich mir nicht leisten.«), die wöchentliche Massage während der Arbeitszeit (die sie nicht nutzt), das Verständnis ihrer Vorgesetzten, wenn sie unverhofft wegen ihrer Kinder von der Arbeit wegmuss. Außerdem: »Die Stimmung ist super. Ich arbeite gern hier. Wir unterstützen uns, das ist wie Familie.«
Der Nachteil: »Die Bezahlung stimmt nicht.« Weil das so ist, packen alle in der Hochsaison mit an. Denn in dieser Zeit zahlt Cewe tarifliche Zuschläge: ab der ersten Stunde Mehrarbeit 25 Prozent (danach 30), nachts 25 Prozent, sonntags 100, feiertags 150.
Im April streikten die Belegschaften an den vier tarifgebundenen Cewe-Standorten – in Oldenburg am Hauptsitz, Eschbach, Mönchengladbach und Germering – für mehr Geld. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte. »Die meisten Leute arbeiten gern bei Cewe, aber manche brauchen Nebenjobs, um über die Runden zu kommen«, erzählte eine Betriebsrätin von einem anderen Standort. Sie putzen in Arztpraxen, kellnern oder jobben in Discountern.
»Wir kämpfen weiter!«
Die Streiks zeigten Wirkung. Seit Juni stiegen die Gehälter um acht Prozent, mindestens um 230 Euro. Weitere Erhöhungen folgen 2026 und 2027. Den Tarifvertrag hat ver.di mit dem Bundesverband der fotomaterialverarbeitenden Betriebe ausgehandelt. Ein Facharbeiter verdient jetzt 15,28 Euro pro Stunde.
Zusätzlich erhalten die Produktionsbeschäftigten in Germering eine Zulage, die sie vor Jahren ausgehandelt haben. Die soll zumindest teilweise die hohen Lebenshaltungskosten um München ausgleichen. Dennoch: Die Stundenlöhne nach dem Tarifvertrag der Druckindustrie liegen weitaus höher. Marga Steinbacher bleibt zuversichtlich: »Wir kämpfen weiter!« Jetzt heißt es aber erst mal an Weihnachten denken – und nichts verkacken.
Die Firma Cewe
Cewe (eigene Schreibweise: CEWE) produziert Fotobücher, Leinwände, Poster und Fotokalender und bietet Online-Druckservices in Drogeriemärkten an. Zum Unternehmen gehören Marken wie Cheerz, Dein Design, Pixum und White Wall. Im Geschäftsjahr 2024 stieg der Konzernumsatz um 6,7 Prozent auf 832,7 Millionen Euro. Der Gewinn wuchs um 2,6 Prozent auf 86,1 Millionen Euro. Cewe ist eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, deren persönlich haftende Gesellschaft eine Stiftung ist (Cewe Stiftung & Co. KGaA). Das Unternehmen ist im SDAX notiert – einem deutschen Aktienindex für 70 kleinere Börsenunternehmen.
Die Familie des Firmengründers Neumüller ist mit 27 Prozent der größte Anteilseigner. 4.000 Beschäftigte arbeiten an 14 Standorten in 21 Ländern.
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