Ausbildung

Der Bestseller unter den Druck- und Medienberufen

Ausbildung zu Mediengestalter*innen stark nachgefragt | Viele sind zufrieden | In Kleinbetrieben hapert es oft an der Qualität | Beruf weniger kreativ als vermutet

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Viele ihrer Kolleg*innen in der Marketingagentur hat Julia noch nie live getroffen, sondern kennt sie nur aus Videokonferenzen am Computer. »Fast alle aus dem Team sind im Homeoffice«, sagt die 19-Jährige. Vor einem Dreivierteljahr hat die junge Frau ihre Ausbildung zur Mediengestalterin in Frankfurt am Main begonnen, mitten in der Corona-Pandemie.

Betreuung leidet wegen Corona

Sie habe schon viel gelernt, ein Kollege stehe ihr virtuell zur Seite. »Aber schade ist es schon.« So geht es vielen aus ihrer Klasse in der Gutenbergschule in Frankfurt. Auch Felix bedauert, dass er seit Beginn seiner Ausbildung in einer Werbeagentur die meiste Zeit allein am Computer sitzt. »Darunter leidet die Betreuung«, sagt der 22-Jährige. Sehr viel lerne er autodidaktisch. Zum Glück habe er Vorwissen mitgebracht, »sonst wäre es schwierig geworden.« Trotzdem steht für beide fest: Mit der Ausbildung zu Mediengestalter*innen sind sie zufrieden.

Generell gilt, dass dieser Beruf bei jungen Menschen sehr gefragt ist und immer mehr Betriebe die Ausbildung anbieten. »Nach wie vor ist es ein Erfolgsberuf«, sagt Anette Jacob vom Zentral-Fachausschuss Berufsbildung Druck und Medien, kurz: ZFA. Neben Agenturen und Druckbetrieben bildeten zunehmend auch Supermarktketten, Reiseveranstalter oder Autohersteller Mediengestalter*innen aus. Allerdings, fügt Jacob hinzu, seien die Bedingungen der Ausbildung »sehr, sehr unterschiedlich«, je nach Branche und Betrieb.

Abends länger im Büro

Während Druckbetriebe meist in Anlehnung an den Tarifvertrag zahlen und Arbeitszeiten geregelt sind, hält sich hartnäckig das Klischee von der Werbeagentur, in der die Beschäftigten bis tief in die Nacht am PC hocken. So ein Beispiel kennt in der Klasse der Gutenbergschule niemand.

Allerdings, sagt Felix, gebe es in seiner Werbeagentur schon die Tendenz, abends länger im Büro zu bleiben. Viele Kolleg*innen machten Überstunden. Doch es werde darauf geachtet, dass er als Azubi pünktlich Feierabend machen kann.

Nach acht Stunden ist Schluss

Darauf legt auch sein Berufsschullehrer großen Wert. »Mit den allermeisten Betrieben machen wir gute Erfahrungen«, sagt Goy Grass, Oberstudienrat und Fachbereichsleiter Mediengestaltung in der Abteilung Druck- und Medientechnik der Gutenbergschule. Hin und wieder bekommt er mit, dass jemand oft länger arbeiten muss. Dann greift Grass kurzerhand zum Telefon und fragt im Betrieb, was los ist. Freundlich verweist er darauf, dass Auszubildende per Gesetz nicht länger als acht Stunden pro Tag arbeiten dürfen. Seine Schüler*innen hält er an, ihre Arbeitszeiten immer ins Berichtsheft einzutragen. Sollte es doch mal Probleme geben, sagt der Lehrer, hätten sie etwas in der Hand.

Wo es besser und wo es schlechter läuft, weiß Constanze Lindemann von ver.di. Die Gewerkschafterin berät Schüler*innen am Oberstufenzentrum Mediengestaltung und Medientechnologie Ernst Litfaß in Berlin und beobachtet, dass es vor allem Azubis in Kleinbetrieben oft schwer haben. Mitunter sitzt dort eine Mediengestalterin allein mit ihrem Chef und einer Sekretärin. »Da stellt sich die Frage nach der Qualität der Ausbildung«, sagt Lindemann. Hinzu kommt: »In kleinen Betrieben ist Gewerkschaft oft ein Fremdwort und einen Betriebsrat gibt es auch nicht.« Ab und an seien Azubis mit 250 Euro pro Monat abgespeist worden. Zum Glück sei das nicht mehr möglich.

Große Unterschiede bei der Qualität

Seit einem Jahr schreibt das Berufsbildungsgesetz einen Mindestlohn von 550 Euro im ersten Ausbildungsjahr vor. »Dadurch hat sich etwas verbessert, ganz klar.« Allerdings stehe die Vergütung in keinem Verhältnis zu der in tarifgebundenen Unternehmen, sagt die Gewerkschafterin. In der Druckbranche beginnen Azubis mit 976 Euro pro Monat, hinzu kommen 30 Urlaubstage plus eine 35-Stunden-Woche. Ein weiterer Vorteil: In diesen meist größeren Betrieben stünden bei Problemen kompetente Ansprechpersonen bereit, wie Betriebsräte oder Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV).

Doch auch bei den Inhalten gibt es große Unterschiede: Während die einen Auszubildenden nicht mehr dürfen, als Fotos in Katalogen und Onlineshops auszutauschen oder T-Shirts zu bedrucken, entwerfen andere ganze Marketingkonzepte.

Wenige Abbrecher*innen

Für die Zufriedenheit mit der Ausbildung ist nach Ansicht von Heike Krämer wichtig, dass die Azubis vorher ein Praktikum machen. Der Titel »Mediengestalter*in« wecke mitunter falsche Erwartungen, sagt die Expertin vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Viele junge Menschen reize die Vorstellung, kreativ gestalten zu können. Dabei handelt es sich um einen technischen Beruf. Natürlich könnten die Azubis auch mal ein Logo gestalten oder eine Broschüre layouten. »Es gibt einen kreativen Anteil, keine Frage.« Doch in erster Linie setzten Mediengestalter*innen die Wünsche von Werbekund*innen oder Grafikdesigner*innen um. Die meisten Azubis seien jedoch gut informiert, sagt die Berufsfachfrau. Die Quote der Abbrecher*innen sei gegenüber anderen Berufen relativ gering, die Zufriedenheit mit der Ausbildung recht hoch.

Das gilt auch für die Klasse von Berufsschullehrer Goy Grass. Jan hat vor der Ausbildung ein Praktikum bei einer Druckerei gemacht, Paul und Leon bei einer Werbeagentur. Sie wussten, was auf sie zukommt, und haben den Betrieb bewusst ausgesucht. Bei zwei Bewerbungsgesprächen in kleinen Unternehmen war Felix schnell klar: »Die suchen nur eine günstige Arbeitskraft.« Zwei Azubis, ein fest angestellter Mitarbeiter, ein Chef – und kaum Chancen, später übernommen zu werden. Deshalb winkte der 22-Jährige direkt ab. Mit seiner Ausbildung in der Werbeagentur ist er zufrieden. »Allerdings hoffe ich, dass es bald wieder mehr eine klassische Ausbildung ist.« Im Büro, mit Kolleg*innen – und nicht mehr allein im Homeoffice.

Die Autorin hat sich per Video in die Klasse der Gutenbergschule in Frankfurt am Main zugeschaltet.

Drei Fachrichtungen – Neuordnung steht an

Im dritten Ausbildungsjahr steht eine von drei Fachrichtungen zur Wahl. Dabei fällt die Verteilung ungleich aus: Über 90 Prozent der Azubis spezialisieren sich auf »Gestaltung und Technik«, acht Prozent auf »Konzeption und Visualisierung« und nur zwei Prozent auf »Beratung und Planung«. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) beschäftigt sich deshalb – gemeinsam mit Expert*innen aus der Praxis und der Berufsbildungspolitik – aktuell mit der Frage, ob die Fachrichtungen überarbeitet werden sollten. Eben weil die Verteilung so ungleich ist. Bis Jahresende sollen Vorschläge für eine Neuordnung der Fachrichtungen vorliegen.

Bei der Wahl spielen weniger die Interessen der Azubis eine Rolle. »In erster Linie geht es darum, was die Betriebe brauchen«, betont Heike Krämer vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Die große Nachfrage nach »Gestaltung und Technik« macht deutlich, dass es vor allem großen Bedarf an Fachkräften gibt, die sich um die technische Umsetzung von Inhalten kümmern. Sprich: Printprodukte wie Kataloge und Broschüren erstellen oder Inhalte auf Websites, Onlineshops und Social-Media-Kanälen aktualisieren. Zwar zeigten Unternehmen auch Interesse an der Fachrichtung »Beratung und Planung« mit stärkerer kaufmännischer Ausrichtung, sagt Krämer. Doch nur wenige Berufsschulen bieten diese Fachrichtung an.