Papierverarbeitung

Zähne gezeigt

Die Tarifrunde in der Papierverarbeitung war erfolgreich | Öffnungsklauseln wurden weggestreikt | Beteiligung so hoch wie noch nie

Vor knapp drei Monaten ging die Tarif
bewegung zu Ende. Zeit für eine Bilanz. Noch nie sind während einer Tarifrunde in der Papierverarbeitung so viele Mitglieder bei ver.di eingetreten: 1.000 Neue. Noch nie hatten sich die Beschäftigten in so vielen Betrieben an Streiks beteiligt: 90. Und noch nie haben so viele Belegschaften die Arbeit zum ersten Mal niedergelegt. Was war passiert?

40 Jahre lang haben sie nicht mehr gestreikt. Vermutlich. Länger ist keiner 
im Klingele-Wellpappenwerk Grunbach 
in Remshalden beschäftigt, um sich noch zu erinnern. Wenige Tage vor der fünf
ten Verhandlung am 19. Februar legten die Früh- und Spätschicht die Arbeit nieder – von 6 bis 22 Uhr. »Mitgemacht haben mehr als drei Viertel der Beschäftigten in der Produktion«, sagt Betriebsratsvorsitzender Kai Hennecke. »Wir haben immer vom Tarifvertrag profitiert, den andere erstreikt haben; jetzt wollten wir selbst etwas beitragen.«

Streiks provoziert

Bei Hans Kolb Wellpappe im bayerischen Memmingen war es dieses Mal auch nicht wie sonst. Am Stammsitz waren Streiks unüblich. Bis im Dezember jede Schicht für zwei Stunden die Arbeit niederlegte. Etwa 80 Kollegen hätten sich allein in Memmingen beteiligt, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Gerald Strobel. Der Geschäftsführer Bernhard Ruffing sagte daraufhin der Belegschaft zu, die umstrittene Öffnungsklausel im Betrieb nicht anzuwenden. Während er und die anderen Unternehmer am Verhandlungstisch noch darauf bestanden, dass Betriebe eine Lohnerhöhung um sechs Monate verschieben dürfen.

»Weil die Unternehmer dermaßen auf der Öffnungsklausel beharrten, sind auch Kollegen zu Streiks bereit gewesen, die sonst nicht mitgemacht hätten«, erklärt Betriebsratsvorsitzender Christian Spilker von der Zentrale von Thimm Verpackung in Northeim. Eine ganze Schicht hatte die Arbeit niedergelegt. »Wir wollten damit unserer Gewerkschaft den Rücken stärken.« Das sei ein normales Prozedere. »Wenn sich die Gegenseite so hartleibig gibt, müssen wir eben Zähne zeigen. 
Das geht nur mit einem Streik – ein anderes Mittel haben wir nicht.«

Gebrannte Kinder

Uwe Knorr, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Smurfit Kappa, sieht das ähnlich. Bei Öffnungsklauseln seien die Beschäftigten gebrannte Kinder. Viele Unternehmen hätten die Öffnungsklausel 
zur Arbeitszeitverlängerung genutzt. 
Nun müssen die Belegschaften bei Smurfit Kappa eine Stunde pro Woche unbezahlt arbeiten. Letztlich provozierten die Unternehmer mit ihrer Forderung nach einer weiteren Öffnungsklausel die vielen Streiks. »Die Kollegen und Kolleginnen wollten aber auch zeigen, dass sie Verschlechterungen nicht hinnehmen werden.« Ein Signal an den Unternehmerverband, der mit ver.di im Mai über den Manteltarifvertrag sprechen will.

Mit dem Tarifergebnis sind viele zufrieden. Die Löhne sind jetzt schon um 2,8 Prozent gestiegen. Zum 1. März 2020 steigen sie um weitere 2,7 Prozent. Für Auszubildende gibt es 90 Euro im Monat mehr. Eine positive Bilanz.