Homeoffice

Wenn die Küche zum Büro wird

Homeoffice im Herbst-Shutdown | Gemischte Gefühle bei den Beschäftigten

d+p 2020-5 Titelbild

Im November war es so weit: Weil die Corona-Infektionszahlen in die Höhe schnellten, ordneten die Bundesländer einen teilweisen Shutdown an. Restaurants mussten zunächst für vier Wochen schließen, Freizeitsport und Kultur wurden gestrichen, private Besuche und Reisen sollten unterbleiben. Unternehmen wurden aufgefordert, die Beschäftigten – soweit möglich – ins Homeoffice zu schicken.

Viele klemmten sich wieder die Notebooks untern Arm und richteten sich zu Hause ein. Froh, das Ansteckungsrisiko zu verringern. Aber nicht alle sind begeistert, dass sich die Arbeit erneut zu Hause einnistet.

Maria Gustovic, 55, freut sich, dass sie täglich zwei Stunden Pendelei in vollen, unpünktlichen Bahnen spart. Zu Hause kann sie konzentrierter arbeiten. Niemand steckt den Kopf durch die Tür, ruft an, stört. Außerdem geht sie jetzt unter der Woche einkaufen und muss sich nicht samstags in die Schlange einreihen. Basta. Mehr Vorteile vom Homeoffice fallen ihr nicht ein.

Die Technikerin arbeitet bei Giesecke+Devrient Currency Technology in München in der Messtechnik. Ein Drittel ihrer Zeit verbringt sie im Labor, zwei Drittel im Büro – das ist während des Shutdowns ihr Küchentisch. »Wenn ich einmal eine Aufgabe angefangen habe, stehe ich erst auf, wenn ich fertig bin.« Manchmal erst nach acht Stunden. Vergessen ist die Pause. »Im Büro passiert das nicht. Dort bin ich immer mal unterwegs und mittags mache ich Pause, wenn alle Pause machen.«

Entzaubert

Inzwischen tut ihr der Rücken weh. Denn der ergonomische Stuhl und der höhenverstellbare Schreibtisch blieben im Büro. Genauso wie die Arbeitsorganisation. Oft schleppt sie das Laborbuch und Ordner mit Proben nach Hause, um die Messergebnisse auszuwerten. Das sei mühsam. Außerdem fehlt ihr die Abstimmung mit den Kolleg*innen. »Mal zu fragen, wie jemand eine Aufgabe lösen würde, oder im Team die eigene Arbeit zu diskutieren, fehlt mir ungemein.« Ihr sei die Hürde, jemanden anzurufen, zu hoch. »Zu Hause ist man einsam. Menschlich und professionell.«

Am Feierabend räumt sie die Unterlagen weg, fährt den Rechner hinunter und stapelt alles in einer Ecke. »Damit Kopf und Tisch frei sind.« Dennoch sei die Arbeit in ihr Privatleben eingedrungen. Nach der Corona-Pandemie will sie maximal ein bis zwei Tage pro Woche im Homeoffice arbeiten. »Für mich hat sich das Homeoffice entzaubert.«