Unterwegs zu

Unterwegs zum Brailledrucker

Uwe Wohlers stellt in der Marburger Blindenanstalt Bücher, Zeitschriften, Visitenkarten, selbst Weinetiketten in Punktschrift her

Uwe Wohlers kann die Blindenschrift sogar lesen. Langsamer als die blinden Schüler*innen und auch nicht mit den Fingern, sondern mit den Augen. Zur Sicherheit 
hängt noch eine Tafel mit dem Punktschrift-Alphabet in der Druckerei der Marburger Blindenstudienanstalt. Wohlers hat sich die nach ihrem Erfinder Louis Braille benannte Brailleschrift selbst beigebracht, nachdem er die ersten Visitenkarten gedruckt hatte. Technisch seien ihm die Punkte wunderbar gelungen, lobte die blinde Punktschriftübersetzerin, die sein Werk damals prüfte. Doch die Schrift stand auf dem Kopf.

Punkt- statt Schwarzschrift

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Inzwischen beherrscht Wohlers sogar die Blinden-Kurzschrift. Der 58-Jährige ist 
Brailledrucker in der Blindenstudienanstalt, die in Marburg alle Blista nennen. Zu diesem weltweit ersten Gymnasium für blinde und sehbehinderte Jugendliche gehört auch eine Druckerei, die Zeitschriften, Schulbücher, Romane, Gesetzestexte und Terminkalender in die tastbare Blindenschrift überträgt. Wohlers hat einst Feinmechaniker an der Marburger Universität gelernt; dann arbeitete er jahrelang in der Industrie, bevor er 1999 zur Blista wechselte. Eine eigene Ausbildung zum Braille
drucker gibt es ohnehin nicht.

»Mit der Schwarzschrift ist das Druckprinzip gar nicht zu vergleichen«, sagt Uwe Wohlers, während er den Punktschriftdrucker öffnet. Schwarzschrift – wegen der Druckerschwärze – heißt die Schrift für Sehende, um sie von der Blindenschrift zu unterscheiden.

Harry Potter passt nicht ins Regal

Über eine 200 Kilogramm schwere Rolle zieht das Gerät das dicke Papier in den Drucker, der mit 96 Prägestiften über das Papier rattert. Heute wird der horus gedruckt, gefalzt und geheftet. Für Sehende ist die Fachzeitschrift ein schmales Heft, für die blinden Abonnent*innen ist sie dick wie ein Aktenordner. In der Schülerbibliothek stehen auch die Harry-Potter-Bände in Brailleschrift. Die kamen damals gleichzeitig mit den Druckwerken heraus. Ein Buch braucht so viel Platz wie sieben Aktenordner.

Der Platzbedarf ist einer der Gründe, warum die Abteilung heute viele Bücher und Unterrichtsmaterialien elektronisch herstellt. E-Books lesen Blinde an Computern mit 
Braillezeile und Sprachausgabe. In der klassischen Produktion seien sie nur noch zu zweit, sagt ver.di-Mitglied Wohlers. Die Finanzsituation in der Medienproduktion sei ohnehin angespannt, erzählt Blista-Sprecher Rudi Ullrich. Die Abteilung werde zu mehr als der Hälfte durch das Land Hessen finanziert. Da der Zuschuss seit den 1990er-Jahren nicht erhöht wurde, musste in den vergangenen zehn Jahren etwa ein Viertel der Stellen in der Abteilung abgebaut werden, in der heute 30 Menschen arbeiten.

Der Drucker ist unersetzlich

Doch auch wenn der Trend zu Digitalmedien geht, in der Druckerei der Blista wird noch vieles gedruckt. Und bei Visitenkarten, Türschildern und Flyern ist die Arbeit der Brailledrucker nicht zu ersetzen. Da hat der Bedarf sogar zugenommen. Selbst Wein
etiketten – für einen Würzburger Silvaner, der zum Jubiläum eines Blindenverbandes gereicht wurde – sind dabei. »Das erfordert eine sehr präzise Arbeit«, sagt Wohlers. Vor ihm liegen Visitenkarten von Behindertenbeauftragten und Landtagsabgeordneten. Die Punktschrift muss exakt mit der Schwarzschrift kombiniert werden – er druckt sie noch auf Zinkplatten, wie sie früher üblich waren. Die Türschilder fertigt er an der Punziermaschine, womit Brailleschrift in Matrizen geprägt wird. Nebenan steht eine gusseiserne Handpresse aus der Vorkriegszeit, die sich gut für Etiketten eignet.

Die blinden und sehbehinderten Kolleg*innen, die als Punktschriftübersetzer für die Druckerei arbeiten, sind für Wohlers längst selbstverständlich geworden. Doch noch immer passiert es ihm, dass er beim Blick aus dem Fenster der Druckerei über die Blindenfußballer staunt, die mit Klingelbällen über den Sportplatz sprinten.