Arbeit

Heiß, stickig, staubig

Technische Maßnahmen zur Hitzereduzierung sind möglich, aber teuer | Die Elektronik hat’s gut, die ist klimatisiert

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An heißen Tagen steigt die Temperatur in den Produktionshallen oft auf 30 Grad. Besonders in alten Gebäuden mit niedrigen Raumhöhen ist es nur schwer auszuhalten. Das über 100 Jahre alte Smurfit-Kappa-
Werk in Lübbecke ist teilweise nur fünf oder sechs Meter hoch, schätzt Betriebsratsvorsitzender Thomas Kalz. Unter der Hallendecke staut sich die Wärme. Lüften ist nur frühmorgens möglich. Selbst nachts nicht. Denn das Werk liegt im Wohngebiet. Und die Nachbarn würden sich beschweren, wenn der Produktionslärm der Nachtschicht durch die offenen Hallentore in deren Schlafzimmer dränge. Die sogenannte Nachtkühlung empfehlen Experten als eine Maßnahme gegen die Hitze.

Steigt die Lufttemperatur im Werk 
tatsächlich auf 30 Grad, muss der Unternehmer – in Abstimmung mit dem Betriebsrat – etwas tun. In einigen Werken können die Beschäftigten die Arbeit unterbrechen, um sich an einem kühleren Ort zu erholen. Im Kartonstegewerk von Smurfit Kappa in Heppenheim werden dafür an heißen Tagen ein bis zwei Mal pro Schicht die Maschinen abgeschaltet, bestätigt 
Betriebsratsvorsitzender Uwe Hakanson. Solche Pausen heißen offiziell Entwärmungsphasen. Auch sie sind ein Mittel, 
um die Hitze besser auszuhalten.

Besonders belastet ist die Spätschicht, weil um die Nachmittagszeit die Sonne am stärksten scheint. Doch von Veränderungen im Schichtplan wollen die meisten Betriebsräte nichts wissen. Das Spätschichtteam könnte nach zwei Tagen mit der Frühschicht wechseln. Das wollen die Kollegen nicht, heißt die Antwort. Organisatorisch nicht möglich, eine andere. Mit einem früheren Arbeitsbeginn hat der Betriebsrat im DS-Smith-Werk in Endingen am Kaiserstuhl – Deutschlands wärmster Region – gute Erfahrungen gemacht. Die Tagschicht startet in Hitzeperioden eine Stunde früher und endet um 14.30 Uhr. »Das kommt bei den Kollegen gut an«, erzählt Betriebsratsvorsitzender Alexander Franke.

Dächer kühlen bringt nichts

Hitzetauglich ist keines der Werke. Sie entlüften und kühlen sich nicht von selbst, sind nicht gegen die Hitze gedämmt und stehen nicht inmitten von Bäumen. Stattdessen heizen sich die Flachdächer auf 60 bis 80 Grad auf, sagt Betriebsratsvorsitzender Karl Mayer aus Neuburg. Um die Hitze zu reduzieren, die vom Dach in die Halle dringt, wurde schon vor Jahren versucht, das Dach durch Bewässerung wie auf den Feldern zu kühlen. »Aber das hat nichts gebracht außer viel Wasserverschwendung.«

»Es muss endlich etwas passieren«, sagt Kalz. Die Hitze bei der Arbeit ist ein Dauer-
thema. Sommer für Sommer. Wasserspender und Lüfter sind zu wenig. Jetzt hat der Betriebsrat initiiert, dass die besondere Belastung durch Sommerhitze in die Gefährdungsbeurteilung aufgenommen wird. So wie es die Arbeitsstättenregel Raumtemperatur vorschreibt.

Über Gegenmaßnahmen entscheidet der Betriebsrat mit. Doch oft hapert es schon am Messen. Entweder wird die Temperatur nicht, unregelmäßig oder an falschen Stellen gemessen. Damit fehlt dem Betriebsrat aber die Handhabe, auf Gegenmaßnahmen zu drängen.

Alternativen gibt es. Seit Jahren fordert der Betriebsrat bei DS Smith in Minden eine neue Be- und Entlüftung. Es gibt lediglich einen Lüfter am Querschneider in der Wellpappanlage. Der saugt die heiße Luft an und leitet sie übers Dach nach draußen. Doch das reicht nicht, findet Betriebsratsvorsitzender Werner Kulack. »Es wird viel zu wenig unternommen, damit es den Kollegen und Kolleginnen gutgeht.« Anders als beim Leitstand. Der ist klimatisiert. Damit die Elektronik keinen Schaden nimmt.

So war das auch bei Huhtamaki im Allgäu. Lange Zeit passierte nichts, Beschwerden der Belegschaft und des Betriebsrats ließ die Geschäftsführung ins Leere laufen, erzählt Betriebsratsvorsitzender Werner Bareth. Bis es die Produktion erwischte. Im Tiefdruck war es so heiß, dass die Farbe bereits auf dem Zylinder trocknete. Und beim Extruder schaltete sich die Elektronik bei 45 Grad selbst ab. Das führte zu Produktionsausfall. Seitdem sind beide Bereiche klimatisiert.

Alle schauen auf das Smurfit-Kappa-
Werk in Delitzsch, wo 2016 drei sogenannte Cool-Stream-Geräte installiert wurden. Stephan Kunze, Leiter von Personal und Recht bei Smurfit Kappa in Deutschland, erklärt das so: Dicke Schläuche hängen unter der Decke. Dort wird die heiße Luft angesaugt und nach außen gedrückt und kühle Luft in die Halle geführt. »Das bringt Erleichterung«, sagt Betriebsratsvorsitzender Gerald Furchner. Allerdings sollte das gesamte Werk bereits dieses Jahr mit der Lüftungsanlage ausgestattet werden. Das dafür bereitgestellte Geld hätte allerdings für wichtige Instandhaltungsmaßnahmen verwendet werden müssen, erklärt Stephan Kunze. Nach und nach will Smurfit Kappa in jedem der rund 20 Werke eine solche Anlage für je 250.000 Euro installieren. Einen Masterplan gebe es nicht. »Es ist durchaus möglich, dass das letzte Werk erst in 20 Jahren dran ist.«

An heißen Tagen sollen Ventilatoren für ein Lüftchen sorgen.