Prekäre Arbeit

Nach vier Stunden Arbeit erschöpft

Zeitungszusteller*innen erhalten häufig den gesetzlichen Mindestlohn – zurzeit 9,82 Euro. Das ist Armut trotz Arbeit, kritisiert Soziologieprofessorin Nicole Mayer-Ahuja. Im Juli steigt der Mindestlohn auf 10,45 Euro, zum 1. Oktober auf zwölf Euro.

Mayer-Ahuja: Ich sehe noch ein anderes Problem. Tätigkeiten, die nach Mindestlohn bezahlt werden, sind häufig Minijobs und Teilzeitstellen mit harten Leistungsvorgaben. Ein Beispiel aus der Reinigungsbranche: Hier wird Mindestlohn gezahlt, zugleich wird eine Reinigungsfläche festgelegt. Wenn der Mindestlohn erhöht wird, ist es üblich, die Zahl der Arbeitsstunden zu kürzen, damit der Lohn gleich bleibt – die Fläche wird aber nicht verkleinert. Dadurch wird der Arbeitsdruck immer höher; viele Beschäftigte arbeiten länger als vereinbart (und bezahlt wird). Das führt dazu, dass viele Reinigungskräfte eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden über längere Zeit nicht durchhalten. Sie sind von dieser Tätigkeit so erschöpft und ausgelaugt, dass sie keinen weiteren Job annehmen können. Die Menschen schaffen es nicht, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, obwohl sie hart arbeiten.

Ist es Zufall, dass in solchen Jobs – auch in der Zeitungszustellung – viele Frauen und migrantische Menschen arbeiten?

Keineswegs. Wo sie Arbeit finden, sind die Bedingungen auffallend schlecht, etwa bei Saisonarbeit in der Landwirtschaft, in der Fleischindustrie, in Logistikzentren. Unternehmen begründen die niedrige Bezahlung damit, dass für diese Tätigkeiten keine Qualifikation nötig wäre. Was nicht stimmt. In diesen Branchen sind vor allem Menschen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Weil es an Sprachkenntnissen hapert, ihre Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird oder eine formale Ausbildung fehlt, weil das in den Heimatländern nicht üblich ist. Für Geflüchtete entsteht eine besondere Zwangslage: Ihr Aufenthaltsstatus ist oft an die Erwerbstätigkeit gekoppelt.

Nicole Mayer-Ahuja ist Professorin für Soziologie an der Georg-August-Universität Göttingen und mit Oliver Nachtwey Herausgeberin des Buches »Verkannte Leistungsträger:innen.
Foto: Klaus Peter Wittemann

 

Wie verhält es sich bei Frauen?

Prekäre Jobs sind eingerichtet worden mit dem Argument, man täte Frauen etwas Gutes. Mit solchen Jobs könnten sie neben Erziehung und Haushalt ein wenig Geld verdienen; für die Familie sorge ohnehin der Ehemann. Doch auch wenn sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen wollen und müssen, bleiben die prekären Jobs.

Die Erhöhung des Mindestlohns wird die Lage der Menschen nicht verbessern?

Nicht unbedingt. Auch zwölf Euro liegen noch unter der Niedriglohnschwelle der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und mit einem Teilzeit- oder Minijob kann man davon ohnehin nicht leben. Es wären gesetzliche Regelungen nötig, um die Menschen vor prekärer Arbeit zu schützen.

Zum Lesen

Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey: Verkannte Leistungsträger:innen.
Berichte aus der Klassengesellschaft.
Edition Suhrkamp 2021, Berlin, 567 Seiten, 22 Euro.

Die Gesellschaft ist gespalten. In diejenigen, die über viel Geld, Einfluss und Macht verfügen, und die anderen, die für ihre Arbeit wenig Geld, Anerkennung und Sicherheit bekommen. Um sie geht es in unserer Serie. Der erste Teil ist hier zu lesen.