Gewerkschaftsgeschichte

Enteignet, besetzt, gerettet

In der ehemaligen Druckerei Dondorf in Frankfurt konzentriert sich deutsche Geschichte wie unter einem Brennglas.

Jüdinnen und Juden, Sozis und Gewerkschafter*innen, Hitler- Faschisten, aber auch Studierende, Kunstschaffende und Hausbesetzer*innen – sie alle waren über die Jahre hinter den roten Backsteinmauern zu Hause. Es ist ein Erfolg von Besetzer*innen und Initiativen, dass der Industriebau noch steht. Das ist typisch für Frankfurt – Kollektive besetzen leerstehende oder historische Gebäude und retten sie vor der Abrissbirne. Im September zog die Kunsthalle Schirn mit einer Parade tanzend in das Gebäude. »Das ist ein wunderbares Ergebnis«, sagt Konrad Götz von der Initiative Dondorf-Druckerei.

Der Reihe nach: Der jüdische Unternehmer Bernhard Dondorf gründete die Druckerei 1833. Mit Spielkarten aller Art, fälschungssicheren Geldscheinen und bis zu 550 Beschäftigten wurde sie zu einer der führenden Druckereien Europas. 1928, als die Geschäfte schlechter liefen, verkaufte die Familie Dondorf an die SPD. Die gründete die Union-Druckerei, die hier ihre Tageszeitung Volksstimme druckte.

1933 besetzten bewaffnete SA-Leute das vierstöckige Gebäude. Die neuen Machthaber enteigneten die Besitzer und verhafteten mehrere Redakteure und Geschäftsführer. Den SPD-Politiker und Gesellschafter Conrad Brosswitz ermordeten die Faschisten im KZ. Auch die Enkel des jüdischen Firmengründers wurden deportiert, in den Tod getrieben oder zur Flucht gezwungen.

In die Hände der Gewerkschaften

Die von der SPD angeschaffte Fünfrollen-Druckmaschine, die 1929 als »Wunderwerk der Technik« galt, ließ NS-Gauleiter Julius Streicher nach Nürnberg verfrachten. Dort wurde das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer gedruckt. Unterdessen zogen Hitlerjugend, SA und NS-Ortsgruppen in die Gebäude. Das Archäologische Institut der Universität, eine Dependance der Keksfabrik Bahlsen sowie mehrere kleine Betriebe folgten. 1944, als die US-Amerikaner den Industrie- und Rüstungsstandort bombardierten, blieb von den Gebäuden nur der 1890 errichtete Backsteinbau übrig. Das Dach wurde zerstört. Der 27 Meter hohe Schornstein blieb erstaunlicherweise ohne Schäden.

1946 zogen die Sozialdemokraten wieder ein und holten sich die wertvolle Druckmaschine in zähen Verhandlungen zurück. Später war die Union-Druckerei in gewerkschaftlicher Hand, zuletzt im Besitz der IG Metall, der Transnet, der IG BAU und ver.di. Bis 2003, zum Ende »der Union«, wie die Kolleg*innen sie nannten, wurde hier die DRUCK+PAPIER gedruckt. Nicht mehr in Frankfurt-Bockenheim. Die Gewerkschaften hatten das Grundstück mit der Universität getauscht und zogen mit der Druckerei und ihrer knapp 300-köpfigen streikerfahrenen Belegschaft in die Nähe der Messe.

Im Industriedenkmal wurden ab 1961 mehr als 60 Jahre lang Kunst- und Musikpädagog*innen ausgebildet. Kunstfabrik nannten sie die Bockenheimer. Nach ihrem Auszug sollte eigentlich das Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik folgen, dem der Umbau jedoch zu teuer war. Die führenden Köpfe der Forschungseinrichtung planten den Abriss des rund 135 Jahre alten Gebäudes, das trotz seiner charakteristischen Backsteinarchitektur nicht unter Denkmalschutz steht. Als sie dann auch noch von einem »Schandfleck für Bockenheim« sprachen, waren die Menschen vor Ort empört.

Kunst und Begegnung

»Das war der Wendepunkt«, erzählen die Gründer der Initiative Dondorf-Druckerei, die 3.600 Unterschriften gegen den Abriss sammelten. Immer mehr Aktionsgruppen engagierten sich für die alte Fabrik. Sie träumten von gemeinschaftlichem Wohnen, einem Café und Werkstätten. Zu den Alteingesessenen gesellten sich junge Leute, die das Gebäude 2023 gleich zweimal besetzten. »Wir haben mit den Worten angefangen, die Besetzer mit der Tat«, erzählt Cordula Kähler von der Initiative Dondorf-Druckerei. Die nach langen Diskussionen und Protesten gefundene Lösung: Die alte Druckerei wird zum Ausweichquartier für die Kunsthalle Schirn, deren Stammhaus am Römerberg derzeit saniert wird.

Nun locken gleich zwei Ausstellungen, ein offenes Foyer und ein Café. Im zweiten Stockwerk richten Initiativen und Institute einen unkommerziellen Ort der Begegnung ein. Stadtlabor nennen sie es. In Zukunft soll irgendwann die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst einziehen. Also alle zufrieden? Nun ja. Einige Hausbesetzer müssen sich auf Betreiben der Universität derzeit vor Gericht verantworten. In einem ersten Urteil wurde ein 28-jähriger Azubi zu einer Geldstrafe verurteilt.

Die Dondorf-Druckerei – vor dem Abriss bewahrt, jetzt Ausweichquartier für Ausstellungen