Migration

»Du musst doppelt so viel leisten«

Orhan Simsek erzählt von den harten Zeiten des Großvaters und der Eltern in Deutschland | Die dritte Generation wächst in einer multikulturellen Gesellschaft auf

»Ich gehöre schon zur dritten türkischen Generation in Deutschland. Mein Großvater kam Anfang der 1960er-Jahre als einer der ersten Türken ins Ruhrgebiet. Er arbeitete im Tagebau, später bei Mannesmann. Meinen Vater ließ er Ende der 70er-Jahre aus Kappadokien in Zentralanatolien nachkommen, weil da für ihn beruflich kein Vorankommen war. Mein Vater wurde von seinem neuen Chef am Flughafen abgeholt und direkt zum Betrieb gebracht. Es ging gleich an die Arbeit.

Mein Opa hat das umgesetzt, was die meisten Gastarbeiter aus der Türkei vorhatten: ein paar Jahre in Deutschland zu arbeiten und dann mit dem gesparten Geld nach Hause zu fahren. Um sich da einen Traktor, eine Kuh, ein Stück Land und ein kleines Haus zu kaufen. Nach 14 oder 15 Jahren in Deutschland ging er mit seiner Familie zurück. Nur mein Vater und mein Onkel blieben hier.

Mein Vater arbeitete viele Jahre als Dachdecker – bis die Firma aufgelöst wurde. Er kannte nichts anderes, als zu arbeiten. Auch eine Grippe war kein Grund, nicht arbeiten zu gehen. Dann wurde er von heute auf morgen arbeitslos. Dass er zum Arbeitsamt gehen musste, hat ihm sehr wehgetan. Das Amt bot ihm Ein-Euro-Jobs an. Zuletzt musste er bei einem Elektronikmarkt Leuten helfen, ihre großen Fernseher zum Auto zu transportieren. 2012 kehrte er lieber in die Türkei zurück.
Auch die ersten Jahre in Deutschland waren hart für ihn und meine Mutter. Die Matratzen, den Hausrat holten sie vom Sperrmüll, weil das Geld nicht reichte. In Deutschland hatten viele dieser Einwanderer anfangs dieselbe Armut wie zu Hause in der Türkei. Sprachkurse oder gezielte Ausbildung gab es nicht. Sie hatten auch keine Zeit, richtig Deutsch zu lernen. Da ist es kein Wunder, dass die Integration nicht funktionierte. Viele sammelten sich in diesem völlig fremden Land in gettoähnlichen Vierteln wie Berlin-Kreuzberg, Duisburg-Marxloh oder Düsseldorf-Eller.

Mein Vater hat sich in Deutschland nur an zwei Orten wohlgefühlt: auf der Arbeit und zu Hause. Und meine Mutter kam wie viele andere Frauen auch nie richtig in Deutschland an. Sie blieb in der Wohnung und kümmerte sich um die Familie.

Heute ist das Gott sei Dank anders. Meine Brüder und ich wuchsen mit mehr Möglichkeiten und in einer multikulturellen Gesellschaft auf. Zu meinem Freundeskreis gehören Menschen aus verschiedenen Ländern. Das ist normal. Mein jüngster Bruder ist Maschinenbauingenieur und Gutachter geworden, der Mittlere arbeitet als Industriemeister bei uns in der Firma. Ich habe Packmitteltechnologe gelernt, dann eine Ausbildung zum Technischen Betriebswirt gemacht, später den Fachreferenten für Arbeits- und Sozialrecht und gerade bin ich bei meinem Abschluss als International Master of Business Administration in England.

Das alles haben wir nicht geschenkt bekommen. Auch als Nachfahre von Einwanderern musst du doppelt und dreifach mehr leisten, um anerkannt zu werden. Es gibt Arbeitgeber, die besonders für Führungspositionen lieber Leute mit deutschem Hintergrund einstellen als polnisch-, arabisch- oder türkischstämmige mit besserer Qualifikation. Die alten Klischees sind noch in zu vielen Köpfen: ein Türke – das ist ein Arbeiter. Bei VW gibt es jetzt einen türkischstämmigen Vorstand – endlich! Es kann nur ein Anfang sein. Es muss akzeptiert werden, dass wir alle ein Teil von Deutschland sind.

Deshalb kann ich das Gejammer über den Fachkräftemangel auch nicht ernst nehmen. Manche Arbeitgeber erinnern mich an Goldsucher, die mit verbundenen Augen in einer Goldmine umherirren. Es gibt hier im Land so viele hoch qualifizierte junge Leute, die keinen passenden Arbeitsplatz finden. Die muss man nur rechtzeitig ins Unternehmen holen, damit sie nicht ins Ausland abwandern. Wo sie gut verdienen und nicht schief angesehen werden.«

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Orhan Simsek, 41, Betriebsratsvorsitzender bei Smurfit Kappa in Düsseldorf
Foto: privat