Corona-Krise

Von Masken, Kurzarbeit und einem unterschätzten Virus

Wie sich Corona in einem Werk der Papierverarbeitung ausbreitet | Die 30-Stunden-Woche als Folge von Auftragsverlusten in einer Zeitungsdruckerei

»So schlimm wird es schon nicht kommen.«

Beschäftigte bei DS Smith in Mannheim

Das Corona-Virus schreckte zunächst kaum jemanden. »So schlimm wird es schon nicht kommen.« So dachten viele in der Belegschaft von DS Smith in Mannheim. Das Corona-Virus schien weit weg. Bis sich erst rund ein halbes Dutzend Kolleg*innen ansteckten und dann immer mehr. Im November 2020 wurden schließlich knapp 20 positive Corona-Fälle gezählt – sieben Prozent der Belegschaft. Fast hätte die Wellpappe-Produktion von Drei- auf Zweischicht umgestellt werden müssen.

Immer noch kurzatmig

Die Geschäftsführung von DS Smith in Mannheim ist überzeugt, dass sich die Beschäftigten außerhalb des Unternehmens angesteckt haben. Externe Kontaktpersonen der Beschäftigten seien positiv getestet worden, teilte Öffentlichkeitsarbeiterin Anja Röhrle von DS Smith Packaging in Fulda mit. Das Gesundheitsamt verordnete den Mitarbeitern daraufhin einen Test und Quarantäne, sagt sie.

Auch Betriebsratsvorsitzender Frank Herold infizierte sich mit dem Virus. »Ich hatte eigentlich nicht viele typische Symptome, nur Kopf- und Gliederschmerzen.« Das Gesundheitsamt schickte ihn dennoch zum Test: positiv. Der freigestellte Betriebsratsvorsitzende vermutet, sich im Unternehmen angesteckt zu haben.

Die Masken, die DS Smith in ausreichender Menge bereitstellt, seien vorschriftsmäßig dort getragen worden, wo der Abstand nicht eingehalten werden konnte. Die Vorgaben der Landesregierung wurden zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat abgestimmt, sagt Herold. In der Produktion trugen die Kolleg*innen zu Beginn der Corona-Pandemie keine Masken. Dort, sagt Herold, könne der Abstand gewahrt werden. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Anordnung der Landesregierung, Masken zu tragen. Es wurde auf die AHA-Regel gesetzt: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske. »Es ist auch enorm anstrengend, beim Arbeiten Masken zu tragen. An den Maschinen ist es sehr warm und die Masken weichen schnell durch.«

Seit den vielen Covid-19-Fällen sind die Maßnahmen im Betrieb verschärft worden. In der Kantine dürfen sich maximal zehn Menschen aufhalten, große Besprechungsräume wurden zu Pausenräumen umfunktioniert. Die Produktion wurde auf Durchfahrbetrieb umgestellt, sodass sich möglichst wenig Menschen in den Pausen begegnen. Inzwischen tragen alle Masken, auch an den Maschinen. Ist eine durchgeweicht, gibt es eine neue.

»Uns hat Corona schneller erwischt, als wir geahnt haben.«

Frank Herold, Betriebsratsvorsitzender bei DS Smith in Mannheim

Alle Covid-19-Erkrankten konnten sich zu Hause auskurieren, im Krankenhaus musste niemand behandelt werden. Inzwischen sind alle wieder zurück am Arbeitsplatz. Frank Herold sowie einige Kolleg*innen sind allerdings noch nicht wieder fit. Sie beklagen die Nachwirkungen der Corona-Infektion, etwa Kurzatmigkeit. »Uns hat Corona schneller erwischt, als wir geahnt haben.«

Mehr Homeoffice möglich?

Lange handelte die Politik so, als würde das Corona-Virus vor den Werkstoren und Bürotüren stoppen, kehrtmachen und sich nur in Wohnungen und bei privaten Treffen verbreiten. Die Bundesregierung beschränkte sich viele Monate lang auf Appelle an die Unternehmen. Mit der Folge, dass im November lediglich 14 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice arbeiteten und im Dezember 17 Prozent.

Als die Unternehmen im Januar endlich verpflichtet wurden, Beschäftigten – wo immer möglich – Homeoffice anzubieten, um das Risiko von Infektionen auf Arbeitswegen und in Büros zu minimieren, stieg die Zahl auf ein Viertel. Anfang März kam die Verlängerung der Homeoffice-Verordnung bis zum 30. April. Es ist allerdings schwer zu kontrollieren, ob das Potenzial ausgeschöpft ist oder ob nicht mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten könnten.

Kritik an der Wirtschaft wies Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf zurück. Da, wo es möglich sei, werde seit dem Frühjahr 2020 weitgehend im Homeoffice gearbeitet. Zudem ereigneten sich »nur zwei bis vier Prozent« der Infektionen in Industriebetrieben, sagte er der Osnabrücker Zeitung. Eine gewagte Behauptung. Selbst ein Jahr nach dem ersten Shutdown ist in rund 80 Prozent der Fälle unklar, wo sich jemand angesteckt hat.

Arbeitsabläufe selten verändert

Viele Betriebe haben die Corona-Schutzmaßnahmen vorbildlich umgesetzt, sagt Elke Ahlers vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Aber nicht alle. Das ergab eine Befragung des Portals Lohnspiegel.de des Instituts zu Beginn des zweiten Shutdowns. Danach vermisste jeder achte Beschäftigte ausreichende Maßnahmen des Unternehmens. Elke Ahlers, Expertin für Arbeit und Gesundheit, kritisiert, dass seltener Arbeitsabläufe und Arbeitsorganisation verändert als vielmehr Beschäftigte zum Masketragen und Abstandhalten angehalten werden. Zudem blieben Leistungsanforderungen unangetastet, obwohl Masketragen anstrengend ist.

Plätze zum Ausruhen

Seit der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung vom Januar 2021 müssen Unternehmen medizinische Gesichtsmasken oder FFP2-Masken bereitstellen, wenn der Abstand von 1,5 Meter nicht eingehalten werden kann. Das Druckzentrum der Süddeutschen Zeitung teilt FFP2-Masken für die Kolleg*innen aus, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, und OP-Masken für den Arbeitsplatz. In der Betriebsvereinbarung ist festgelegt, wo welche Regeln gelten: Am Bedienpult ist zum Beispiel eine Maske zu tragen; wer allein in der Maschine Platten wechselt, braucht das nicht zu tun. Ansonsten gebe es in der Produktion genügend Plätze, wo sich jemand ausruhen, durchschnaufen und die Maske absetzen könne, sagt Betriebsratsvorsitzender Alexander Röck.

»Hauptsache, niemandem wird gekündigt.«

Stefan Dobrovodsky, Betriebsrat im Mittelbayerischen Druckzentrum in Regensburg

Inzwischen ist mehr als ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland vergangen. Noch immer kämpfen Betriebe – besonders in der Druckindustrie – mit Auftragsrückgängen und Stornierungen. Die Folge ist Kurzarbeit für die Beschäftigten. Manche trifft es doppelt hart. Wie im Mittelbayerischen Druckzentrum in Regensburg.

Nachdem der Einzelhandel im November schließen musste, sind Aufträge weggebrochen. Werbebeilagen von Elektrofachmärkten wurden nicht mehr gedruckt, die zwei Dutzend Beschäftigten mussten in Kurzarbeit. Die Belegschaft arbeitete nur noch die Hälfte der Arbeitszeit. »Das machte etwa 600 Euro netto im Monat weniger«, sagt Stefan Dobrovodsky, Betriebsrat und seit 27 Jahren im Druckzentrum beschäftigt. Weil ihnen das Unternehmen keinen Cent zum Kurzarbeitergeld gewährte, waren sie auf die gesetzliche Aufstockung angewiesen.

Ende März endet die Kurzarbeit. Dann geht die Belegschaft nahtlos in die 30-Stunden-Woche über. Denn noch immer gibt es zu wenig Arbeit. »Irgendwann ist alles gewartet, was gewartet werden kann.« Die um fünf Stunden gekürzte Wochenarbeitszeit – befristet bis Ende 2021 – soll helfen, Kündigungen zu verhindern, mit denen die Geschäftsleitung gedroht hatte. Wobei die Personalbesetzung schon so knapp sei, dass man ganze Schichten nicht mehr hätte besetzen können, wenn man Kolleg*innen entließe, wirft Dobrovodsky ein.

Eine Absenkung der Arbeitszeit um maximal fünf Stunden ist nach dem Tarifvertrag für die Druckindustrie möglich. Künftig arbeitet die Belegschaft sechs Stunden am Tag und druckt hauptsächlich nachts die Mittelbayerische Zeitung. Betriebsrat Dobrovodsky ist damit zufrieden. Die Arbeitszeit ist geregelter als bei der Kurzarbeit und sein Nettoverlust schrumpft auf 400 Euro im Monat. »Hauptsache, niemandem wird gekündigt.«