Aus den Betrieben

Keine Schließung in Erfurt

Funke will Druckerei mit 270 Beschäftigten dichtmachen | Laut Gutachten betriebswirtschaftlicher Unsinn | ver.di macht öffentlich Druck

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Betriebsratsvorsitzender Dustin Hertel schimpft: Mehr als »leere Floskeln« habe das jüngste Gespräch mit der Geschäftsleitung nicht gebracht. Bereits das vierte. Der Betriebsrat hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben, dem die Funke-Unternehmensleitung in keinem Punkt widersprochen habe. Wie denn auch. Das Gutachten wurde auf der Grundlage von Firmendaten erstellt.

Der Betriebsrat hatte Kosten und Ertrag bis zum Jahr 2030 für Schließung oder Fortführung vergleichen lassen. Das Ergebnis: Die Kosten für die Weiterführung der Druckerei wären halb so hoch wie für eine Stilllegung in Erfurt plus eine Komplettauslagerung zur Funke-Druckerei in Braunschweig und zu Fremdfirmen. Darin sind die Ausgaben für eine neue Druckmaschine in Erfurt bereits eingerechnet. Fünf Millionen Euro könnte Funke sparen.

Doch die Thüringer Funke-Führung bringe nicht mehr vor, als auf die »strategische Entscheidung« für Digitalisierung aus der Essener Konzernzentrale zu verweisen. Ihrem Unmut machte die Belegschaft auf der Betriebsversammlung Mitte November Luft, erzählt Dustin Hertel.

Druck auf den Konzern kommt auch aus der Politik. Die direkt gewählte Landtagsabgeordnete des Erfurter Wahlkreises, Susanne Hennig-Wellsow, sagte DRUCK+PAPIER: »Es kann nicht angehen, dass aus Renditegründen ein Standort geschlossen wird, das Unternehmen aber weiter in der Region Geld verdienen will. Regionale Medien sind mehr als Profit-Esel, sie leisten einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Grundversorgung der Menschen vor Ort.«

Hennig-Wellsow, die auch Vorsitzende der Linken-Fraktion ist und für den Bundesvorsitz ihrer Partei kandidiert, steht mit ihrer Kritik nicht allein. Der SPD-Wahlkreis-Bundestagsabgeordnete und Fraktionsgeschäftsführer in Berlin, Carsten Schneider, warf im Netz dem Funke-Konzern vor, »die ökonomische Rendite« sei ihm wichtiger als ein »demokratischer Beitrag« zur politischen Meinungsbildung. Schneider nahm dabei auch Bezug auf die Geschichte: Im Bündnis mit der Redaktion hätten die Drucker im Januar 1990 erreicht, dass sich in Erfurt die erste SED-Bezirkszeitung von der Partei unabhängig gemacht habe. Und Schneider wirft den Funke-Verantwortlichen »Lügen« vor: Als sich herumsprach, dass die Thüringer Zeitungen nur noch digital verbreitet werden sollten, sei der Konzern zurückgerudert und habe versprochen, die Druckausgabe beizubehalten.

ver.di und der Betriebsrat wollen die Schließung der Druckerei verhindern. »Wir werden gemeinsam mit der Belegschaft alles tun, damit nicht die letzte Zeitungsdruckerei in Thüringen verschwindet«, sagt Jan Schulze-Husmann aus dem ver.di-Bundesfachbereich. Sie machen öffentlich Druck. Unterstützung erhielten sie jüngst im Thüringer Landtag auch von Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), Sprecher*innen von CDU und den Bündnisgrünen.

Drittgrößter Medienkonzern

Die Funke Mediengruppe ist nach der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) und Springer Deutschlands drittgrößter Zeitungs-, Zeitschriften- und Rundfunkkonzern. Nur noch eine geringe Rolle spielen Druckereien: Nach der Schließung in Löbichau bei Gera mit 115 Beschäftigten (2013) und dem tarifgebundenen Stamm-Druckhaus in Essen mit 120 Beschäftigten (2020) betreibt Funke noch drei Zeitungsdruckereien in Erfurt, Hagen (beide tariflos) und Braunschweig. Personalabbau ist beim Konzern seit Jahren an der Tagesordnung. Auch der Neubau der Druckerei in Braunschweig (2013) kostete die Hälfte der Arbeitsplätze. Dort arbeiten rund 80 Vollzeitbeschäftigte 33 Wochenstunden.

Ansonsten liegen für die Funke Mediengruppe keine Zahlen vor, kritisierte der Medienwissenschaftler Horst Röper jüngst in einer Studie. Letzte Umsatz- und Gewinnzahlen gibt es für 2017: Umsatz 1,3 Milliarden Euro, Umsatzrendite 14 Prozent (2018: 1,2 Milliarden Euro Umsatz).

Beratungen in Erfurt mit Jan Schulze-Husmann von ver.di, Thomas Meyer-Fries, Berater des Betriebsrats, Dustin Hertel, Betriebsratsvorsitzender, und Rechtsanwalt Helmut Platow (v.li.)