Mein Standpunkt

Was hältst du vom neuen Berufskrankheitenrecht?

»Ich finde es gut, dass das Berufskrankheitenrecht jetzt angepackt wurde. Gewerkschaften haben auch lange Druck gemacht. Ein großes Problem ist, dass Berufskrankheiten – es gibt 80 in der Liste – zu selten anerkannt werden. Bei Lärmschwerhörigkeit hatten wir im Jahr 2018 knapp 14.000 Verdachtsanzeigen, die Hälfte wurde als Berufskrankheit anerkannt und lediglich 213 Betroffene erhielten eine Rente. Andere Berufskrankheiten werden noch seltener anerkannt. Viel zu oft scheitern die Kolleg*innen daran, dass sie nicht zweifelsfrei nachweisen können, dass die Berufskrankheit durch die Arbeit verursacht wurde. Häufig liegt es daran, dass ein Betrieb nicht mehr existiert oder der Unternehmer trotz gesetzlicher Pflicht nicht dokumentiert hat, welchen Gasen, Lösemitteln, Giften, Stäuben oder Strahlungen die Beschäftigten ausgesetzt waren.

Bei der Axel-Springer-Druckerei in Ahrensburg gibt es ein Lärmkataster. An jeder Maschine wurden Lärmmessungen durchgeführt, sodass wir wissen, welcher Lärmbelastung jemand über welche Dauer ausgesetzt war. Aber das haben nicht alle Betriebe. Deshalb ist im neuen Berufskrankheitenrecht, das ab 2021 gilt, ein sogenanntes Expositionskataster vorgesehen. Ein Register, in dem die Gefährdungen bei der Arbeit erfasst werden. Das ist schon mal ein Fortschritt.

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Heinz-Peter Haase, Vorsitzender des Branchenausschusses Druck und Papier und Vorstandsmitglied in der BG ETEM (Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse) sowie Betriebsrat in der Axel-Springer-Druckerei in Ahrensburg 

Zudem müssen die Kolleg*innen ihre Tätigkeit, durch die sie krank geworden sind, nicht mehr aufgeben, wenn sie von der Unfallversicherung Rente bekommen wollen. Das kam etwa bei Buchbinder*innen vor, die an Sehnenscheidenentzündungen leiden.

Wir fordern aber mehr: Psychische Erkrankungen müssen als Berufskrankheit anerkannt werden. Wir brauchen dringend unabhängige Beratungsstellen für die betroffenen Kolleg*innen – bislang gibt es nur welche in Hamburg und Bremen.«