Ausbildung

Plötzlich im Videochat mit der Lehrerin

Durch Corona mussten Berufsschulen auf einen Schlag auf Online-Unterricht umstellen | Trotz holprigem Start kräftiger Schub fürs digitale Lernen | Viele Azubis hinken mit dem Stoff hinterher | Gemeinsames Lernen nicht zu ersetzen

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Mit dem Lockdown schlossen die Berufsschulen und auf einmal fand Unterricht nur noch online statt.

Zuerst hat es Ömer mit seinem alten Laptop probiert. Doch mal funktionierte der Ton nicht, mal blieb das Bild schwarz. Also zückte der Azubi sein Handy, um am Online-Unterricht der Berufsschule teilzunehmen. »Das ging ganz gut«, sagt der angehende Packmitteltechnologe. Bis sein Chef meinte, für die Videokonferenz mit der Klasse müsse Ömer nicht extra den ganzen Tag zu Hause bleiben. 

Als die Berufsschule wegen der Corona-Pandemie geschlossen blieb, arbeitete Ömer demnach fünf statt bisher vier Tage beim Verpackungshersteller – und flitzte zwischendurch von der Maschine rüber an den Computer im Büro zum Videochat mit seiner Lehrerin. »Ich muss als Azubi ja beides lernen, Theorie und Praxis.« Na ja, räumt der 20-Jährige ein, etwas kurz sei die Schule schon gekommen. Nach Feierabend habe er nicht mehr viel gemacht. 

Damit ist Ömer nicht alleine. Lehrkräfte von Berufsschulen für Druck- und Medienberufe klagen, dass viel Lernstoff auf der Strecke blieb. Doch fest steht auch: Das Corona-Virus sorgte dafür, dass digitales Lernen einen kräftigen Schub bekam. 

Selbst Digitalmuffel machten mit

»Am Anfang ging alles im Hauruckverfahren«, sagt Jan Schmidt, Berufsschullehrer für Druck- und Medientechnik an der Johannes-Selenka-Schule in Braunschweig. »Und sicher schneller, als dem ein oder anderen lieb war.« Doch selbst Digitalmuffel hätten Wege gefunden, um mit den Schüler*innen in Kontakt zu bleiben. Lehrkräfte verschickten Aufgaben per Mail oder stellten sie auf Lernplattformen ein und boten Videokonferenzen an.

Der Leiter der Johannes-Gutenberg-Schule für Druck- und Medienberufe in Stuttgart, Edgar Waldraff, lobt das Engagement der Lehrkräfte. »Hätten wir regulär einführen wollen, was von März bis Mai in der Schule passiert ist, hätte es sicher Widerstände gegeben.« 

Das Berufsschulzentrum will künftig auch im normalen Schulalltag stärker auf Online-Lernen setzen. So reisten etwa die angehenden Druck- und Medientechniker*innen teilweise von weit her an. »Wir überlegen, ob wir ihnen einen Präsenztag ersparen und dafür Digitalunterricht anbieten«, sagt Waldraff.

Allerdings zeige die Erfahrung, dass die Schulen eine gezieltere Vorbereitung bräuchten. Die übliche methodisch-didaktische Vorgehensweise sei nicht gut für den Digitalunterricht geeignet, betont der Schulleiter. »Da müssen wir eine Alternative entwickeln.« Ein Problem sei zum Beispiel, dass sich in Videokonferenzen über Verständnisfragen hinaus oft kaum jemand zu Wort melde. Auch Berufsschullehrer Jan Schmidt aus Braunschweig bemängelt, dass der Austausch mit der Klasse wegfällt: »Ich bin nur der Vorturner.« Es gebe keine Kommunikation, keine Nachfragen.

Doch alle sind sich einig: Ob Online-Unterricht funktioniert, hängt stark von der Fachrichtung ab. Künftige Mediengestalter*innen kommen damit in der Regel gut zurecht. Und zwar so gut, dass die Ernst-Litfaß-Schule für Mediengestaltung und Medientechnologie in Berlin die Option künftig beibehält. Der Computer sei für diese Schüler*innen ohnehin Arbeitsmittel Nummer eins, sagt der Abteilungsleiter der Berufsschule, Wilm Diestelkamp. Sie seien es gewohnt, selbstständig am Laptop Flyer oder Plakate zu gestalten. Deshalb können die Lehrkräfte weiter Fernunterricht anbieten, wenn sie es für sinnvoll halten. Gut die Hälfte habe sich dafür entschieden, berichtet Diestelkamp. Ohne die Corona-Zeit hätte die Schule diesen Schritt nicht gewagt. »Wir nutzen die Chance und gehen mutig voran.«

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Die Folge des Lockdowns: Viele Azubis müssen den versäumten Stoff nachholen.

Anders sieht es bei den Medientechnolog*innen Druck und Druckverarbeitung sowie den Packmitteltechnolog*innen aus. Viele Berufsschulen berichten, dass die Teilnahme am Online-Unterricht spärlich ausfiel. Dabei fehlte den Azubis oft mehr als nur ein eigener Laptop. »Wir hätten am Anfang ein Lerntraining abhalten müssen, damit sie selbstständig arbeiten können«, meint Diestelkamp. Diese Einschätzung teilt Fachleiterin und Berufsschullehrerin Livia Kraneburg aus Köln. Die Azubis müssten stärker gefördert werden, sich selbst zu motivieren und Eigeninitiative zu zeigen. »Digitales Lernen muss gemeinsam geübt werden«, sagt Kraneburg. Darauf legt sie im neuen Schuljahr einen Fokus.

Die Azubis seien mit der Software ausgestattet worden, jetzt gehe es darum, den Umgang damit zu üben. So sollen sie zum Beispiel zu Hause kurze Lehrfilme ansehen. Die Präsenzzeit nutzt die Lehrerin, um Inhalte zu vertiefen. Wenn die Azubis merkten, dass sie gut mit digitalen Medien umgehen können, so Kraneburg, seien sie motivierter.

Arbeit statt Unterricht

Auch Ömer, sonst Klassenbester, kam mit dem Online-Lernen bislang nicht so gut zurecht. Einmal sollte er recherchieren, welche Arten von Kunststoff es in welcher Branche gibt. »Ich habe gegoogelt, aber da kamen so viele Ergebnisse. Das war Chaos.« Hinzu kam, dass er auf der Lernplattform nicht durchblickte. »Das war für viele aus unserer Klasse ein Problem.«

Die Folge: Viele Azubis hinken mit dem Stoff hinterher. »Das bedeutet, dass sie in den nächsten ein bis zwei Jahren mehr in Eigenarbeit leisten müssen«, sagt Waldraff aus Stuttgart.

Nicht nur die Theorie, auch der praktische Unterricht blieb auf der Strecke. In den Druckereien und Laboren der Schulen lief während des Lockdowns nichts. Mit Erklärvideos versuchte Kraneburg aus Köln, ihrer Klasse zum Beispiel den Aufbau einer Wellpappenanlage näherzubringen. Sie schaltete in Webkonferenzen externe Referent*innen zu, ließ die Azubis im Betrieb mit dem Handy eigene Videos drehen. Trotzdem: »Selbst die kreativsten Formate können Präsenzlernen nicht ersetzen.« Zumal Lernen immer auch ein sozialer Akt sei. Vor allem für schwächere Azubis sei die Beziehungsarbeit wichtig.

Ein großes Problem war auch, dass viele Schüler*innen stark im Betrieb eingespannt wurden. Während die Festangestellten in Kurzzeit geschickt wurden, hätten Azubis oft den Laden am Laufen gehalten, erzählt Schmidt aus Braunschweig. Die Lehrerin aus Köln berichtet, dass die Verpackungsbranche direkt als systemrelevant eingestuft wurde. »Viele Azubis wurden nicht für den Unterricht freigestellt.« Auch der Stuttgarter Schulleiter bemängelt, dass die Schulen keinen Hebel gehabt hätten. »Für viele Schülerinnen und Schüler war es eine harte Zeit.«

Und dennoch: Die Corona-Pandemie hat das digitale Lernen an Berufsschulen vorangetrieben. Auch die Politik habe die Bedeutung erkannt, sagt Schmidt aus Braunschweig. In Stuttgart finanziert die Stadt den Schulen – zum Ausgleich sozialer Benachteiligung – Tablets oder Laptops, die sich Schüler*innen ohne eigenen Computer ausleihen können. Das Berufsschulzentrum kann gut 100 Geräte anschaffen. Zudem komme aktuell das Geld aus dem Digitalpakt an den Schulen an. »Da passiert gerade eine ganze Menge.« Der Lehrer findet es gut, Online-Medien im Unterricht einzusetzen. »Aber bitte nur als Ergänzung.« Mit den Schüler*innen im Klassenraum persönlich zu sprechen, sei Gold wert. »Das weiß man jetzt erst so richtig zu schätzen.«

Bei Gina, 18, hat das Online-Lernen gut geklappt. Die angehende Medientechnologin Druck wurde vom Betrieb für die Schulaufgaben freigestellt. Wenn sie bei einer Aufgabe mal nicht weiterkam, bat sie ihre Kolleg*innen um Hilfe. »Eigentlich war es cool, einmal pro Woche den weiten Weg zur Schule zu sparen.« Trotzdem ist sie froh, wieder normal Unterricht zu haben. »In der Schule ist es definitiv angenehmer.« Und auch Ömer fährt gerne jeden Mittwoch zur Schule. Im Unterricht kommt er wieder richtig gut mit.