Lesegeschichte

Ihr Herz hängt am Bleisatz

Alte Satztechnik wiederbelebt | Workshops für Laien | Schriften aus stillgelegten Druckereien | Angeregt durch die »Tage der Typografie« in Lage-Hörste

Warum die Lettern verkehrt herum einsetzen? Im Workshop wird’s erklärt.

Wenn sich Tanja Huckenbeck in der ehemaligen Bäckerei umschaut, stellt sie immer wieder fest: »Wir haben ein Platzproblem.« Der Raum steht voll mit hölzernen Satzschränken, an deren Schubladen die Setzergenerationen schwarze Spuren hinterließen. Daneben Regale mit Farbflaschen. Außerdem acht Handpressen verschiedener Bauart – alle mit Bengeln, Rollen und runden Farbtellern, die gerade blank geputzt in den früheren Brötchenverkaufsraum lugen. Dabei sind die jahrzehntealten Maschinen häufig in Gebrauch.

Tanja Huckenbeck und ihr Partner Marcus Bonszkowski veranstalten in Frankfurt-Höchst Bleisatzkurse. Mindestens zwei, höchstens acht Teilnehmenden helfen die Schriftsetzerin und der Drucker dabei, eigene Urkunden, Plakate, Visiten- oder Einladungskarten herzustellen. Sie zeigen ihnen, wie man den Winkelhaken hält und die spiegelverkehrten Lettern einsetzt. Wie man die gewünschte Laufweite der Zeilen mit Spatien herstellt und wie die Kolumnenschnur gewickelt wird. »All das macht uns am meisten Spaß«, sagt Tanja Huckenbeck. Ihren Lebensunterhalt verdienen die beiden Inhaber*innen des Design-Studios höchst*schön am Computer, etwa mit der Gestaltung von Webseiten. Doch ihr Herz hängt am Bleisatz.

Tanja Huckenbeck entdeckte ihre Liebe dazu, als sie beim Abgeben der Weilburger Schülerzeitung Spektrum zum ersten Mal eine Setzerei von innen sah.

Später lernte sie bei Brühl-Druck in Gießen Schriftsetzerin und bekam dabei noch die letzten drei Monate des Bleizeitalters mit. Im Haus der Frankfurter Rundschau arbeitete sie nur noch am Computer: Das war mehr ein Broterwerb – »beim Anzeigensatz kann man sich gestalterisch nicht so austoben.«

Einmal volle Wucht – die Handpresse hinterlässt Spuren.

Marcus Bonszkowski ist über Umwege zum Drucken gekommen – Speditionskaufmann, Grafikdesigner bei einem Frankfurter Geldinstitut (»Die Banker wollten Visitenkarten wie die von Patrick Bateman in ›American Psycho‹ haben«) –, dann betrieb er eine kleine Druckwerkstatt und lernte später, wie man mit hochwertigen Papieren und Typen schöne Drucke herstellen kann. Seit neun Jahren arbeiten Huckenbeck und Bonszkowski zusammen. Bald entdeckten sie bei den von ver.di veranstalteten »Tagen der Typografie« im Heinrich-Hansen-Haus in Lage-Hörste, dass das Setzen und Druckenmit Blei auch viele Laien interessiert. Seitdem gibt es die Kurse. Die Nachfrage ist gut. »80 Prozent der Teilnehmer sind Frauen«, sagt Marcus Bonszkowski. »Vielleicht haben die Männer ja Angst, sich zu blamieren.«

Alte Lettern und kleine Macken

Was gefällt den Leuten am Bleisatz? »Sie wollen das alte Handwerk kennenlernen und ihre Visiten- oder Einladungskarten selber herstellen«, erklärt seine Kollegin. »Die sind nicht so glatt wie im Offsetdruck. Und das Druckbild ist wärmer, sagen die Leute.«

Aus den ordentlich nach DIN 16502 sortierten Setzkästen holen die Kursteilnehmenden gerne alte Lettern mit kleinen Macken, die dem Druckbild ein Vintage-Aussehen geben. »Solche Fehler können wir als Drucker ja eigentlich nicht leiden«, wirft Marcus Bonszkowski ein. Doch die Kund*innen wollen es so. Anders als bei Online-Versendern können sie ihre Visitenkarten individuell zuschneiden – beispielsweise im Goldenen Rechteck auf 89 mal 55 Millimeter oder wie die Damen im 19. Jahrhundert auf acht mal fünf Zentimeter. Sie drucken sie mit Vorliebe auf Maulbeer-Bütten, auf Extra-Rough-Papier von 350 Gramm pro Quadratmeter oder gar auf 1200-Gramm-Karton. »Das macht dann ›Plack!‹, wenn man die Karte auf den Tisch wirft.«

Für Einladungskarten bedrucken die Kursteilnehmer*innen gerne groben Graukarton – und zwar mit Schmackes, sodass die Handpresse eine Prägung hinterlässt. »Damit zerstören wir auf Dauer unsere eigenen Lettern«, bedauert Tanja Huckenbeck. Aber in der Höchster Werkstatt gibt es ja viele davon. Man kann sogar nagelneue beim letzten kommerziellen Schriftgießer Europas bestellen. Rainer Gerstenberg hat einen Schatz aus Matern, mit denen er auch exotische Prägetypen aus Blei oder Zink-Aluminium-Legierung herstellt. DRUCK+PAPIER porträtierte den 73-Jährigen, der seine aus dem Fundus der Firma Stempel geretteten Maschinen in einer Außenstelle des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt hütet (siehe D+P 1/2018). Andere, oft auch mehr als 100 Jahre alte Prägetypen vertreibt das Bleisatzmagazin aus Langenfeld bei Köln.

Der Holzwurm stirbt in der Mikrowelle

Anfangs haben Tanja Huckenbeck und Marcus Bonszkowski ihre Schriften und Ornamente genau wie die Handpressen bei Online-Verkaufsportalen aus den Beständen stillgelegter Druckereien ersteigert. Inzwischen erhält die in der Szene bekannte Manufaktur Angebote aus ganz Europa. »Einmal haben wir Schüttgut genommen. Aber das ist mühsam zu sortieren«, sagt Marcus Bonszkowski. »Besser ist es, ganze Sätze mit allen 128 Zeichen einzukaufen.« Das klappt nicht immer. Lettern aus Italien haben keine Umlaute und die Buchstaben J, K, W, X und Y kommen nur in Fremdwörtern vor.

Für Plakatdrucke nutzen die beiden 600 Punkt große Holzlettern aus altem Birnbaum oder Ahorn. Die machen das Pressen buchstäblich leichter. Allerdings können sie sich leicht verziehen. Und wenn sie nach langer Lagerung Holzwürmer haben, stecken sie die Lettern kurz in die Mikrowelle. Die ist neben der Kaffeemaschine der einzige Apparat in der Werkstatt, der Strom braucht.

Welche Schrift nutzen die beiden am liebsten? »Das richtet sich nach dem Verwendungszweck«, antwortet die Schriftsetzerin. Schön findet sie Fraktur- und Jugendstilschriften, die vor 80 Jahren Albrecht Seemann in seinem Handbuch katalogisiert hat. »Die sind so filigran, dass ich gar nicht weiß, wie man die hingekriegt hat.« Aber viele wurden ab 1941 eingeschmolzen. Denn der sogenannte Bormann-Erlass verbot das Drucken mit Frakturschriften, die seit dem Hochmittelalter genutzt worden waren. Adolf Hitler mochte die eckigen Buchstaben nicht.

Arabella, die fette Ella oder Mimosa – welche Schrift soll’s sein?

Die angebliche »Judenschrift« galt als unerwünscht. Fortan mussten Bücher, Zeitungen und Plakate in Antiqua-Schriften gedruckt werden. Der wahrscheinlichste Grund dafür: Die Antiqua war für Ausländer leichter zu lesen als die Fraktur. Und das NS-Regime wollte europaweit Befehle an die Hauswände kleben, die jeder verstehen und befolgen sollte. Die Neonazis von heute haben das alles nicht mitbekommen – sonst würden sie vermutlich keine Fraktur benutzen.

www.hoechst-schoen.de

»Hammersbald« (hessisch: Brauchen Sie noch länger?), selbst gemacht, nicht so glatt und einzigartig