Druckindustrie

Rettet die Zeitungen und ihre Druckereien

Alle reden von der Zeitungskrise. Tatsächlich ist es eine Ideenkrise der Verlage. Zur Rettung der gedruckten Zeitung fällt ihnen wenig ein. Und so sind auch Druckereien ständig gefährdet. DRUCK+PAPIER hat sich umgehört, Fachleute gefragt und in andere Länder geschaut. Ein Beitrag zur Debatte.

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Deutschland ist ein Zeitungsland. Täglich erscheinen 350 Tageszeitungen mit 1.500 lokalen Ausgaben. Ein Großteil davon wird an die Haustür geliefert. Wer seine Tageszeitung nicht abonniert hat, kann sie an einer der hunderttausend Verkaufsstellen erwerben, im Lotto-Laden, im Supermarkt, an der Tankstelle. In der Bundesrepublik existiert damit das dichteste Zeitungshändlernetz der Welt. Die gedruckte Gesamtauflage liegt bei über 15 Millionen Exemplaren. Täglich. 

»Deutschland, ein Zeitungsland« ist ein schönes Bild. Das auch der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, der im Hauptberuf Chef des Axel-Springer-Verlages ist, in Sonntagsreden ausmalt. Aber im Alltag zeigt sich ein anderes Bild: Die Zahl der Zeitungsleser*innen schrumpft seit den 1990er-Jahren. Durch ihre Digitalisierungsstrategien kannibalisieren sich die Verlage selbst, und kostenfreie Alternativen im Internet befördern die gedruckte Zeitung ins Abseits. 

Diese Trends werden von den wichtigsten Zulieferern der Druckereien, der papierherstellenden Industrie, bestätigt. Deren Statistiken spiegeln nicht allein das langsame Zeitungssterben wider. Sie zeigen auch, dass die Zeitungen immer weniger Seiten haben. 

Nachdem der Verbrauch an Zeitungsdruckpapier jahrzehntelang bis auf 2,2 Millionen Tonnen im Jahr 2005 gestiegen war – fällt er seitdem. 2017 wurden nach Angaben des Verbandes Deutscher Papierfabriken hierzulande noch knapp 1,6 Millionen Tonnen bedruckt. 

Zeit umzudenken

Die Krise trifft die Redaktionen und sie trifft die Druckereien. Eine Zeitungsdruckerei nach der anderen schließt. Von einmal 329 haben laut Bundesverband Druck und Medien (bvdm) nur 197 überlebt. 

Doch Zeitungen und ihre Druckereien können dem Negativtrend trotzen. Dies zeigen Beispiele und Ideen aus Europa. Eine Möglichkeit, Zeitungen und Druckereien fit für die Zukunft zu machen, bieten staatliche Unterstützungsleistungen, die deutlich über die bisher in Deutschland gewährten geringen steuerlichen Vorteile – etwa bei der Mehrwertsteuer – hinauszielen. Medienrechtler weisen dazu auf das Grundgesetz hin. Dieses schreibe dem Staat vor, die Pressefreiheit zu »gewährleisten«. Doch Pressefreiheit gebe es nicht zum Nulltarif. 

Horst Röper hält Subventionen trotz des EU-Wettbewerbsrechts für einen gangbaren Weg. »Staatliche Zuschüsse gibt es fast überall in Europa, nur nicht in Deutschland.« Der Direktor des Formatt-Instituts fordert Politiker*innen in Bund und Ländern zum Umdenken auf. 

Zeitungen sollten allerdings nicht nach dem Gießkannenprinzip bedacht werden. Damit nicht wirtschaftlich erfolgreiche Konzerne wie der Axel-Springer-Verlag profitieren, der sein Geld schon lange nicht mehr nur mit journalistischen Medien verdient. Solche Verlage bedürften keiner staatlichen Förderung. Stattdessen sollten staatliche Mittel »nach Bedarf« eingesetzt werden, um gedruckte Zeitungen zu fördern. Eine öffentliche Förderung, so der Dortmunder Medienexperte Röper, muss an journalistische Leistungen gekoppelt werden. Und an die Einhaltung von Sozialstandards, wie Tarifverträge und Ausbildung, fügt ver.di hinzu.

Wo Presse gefördert wird

Als Vorbild könnte Österreich dienen. 2004 trat das von einer schwarz-roten Koalition auf den Weg gebrachte Presseförderungsgesetz in Kraft. In den Budgets der Regierung sind für 2018 und 2019 je 8,7 Millionen Euro für die Presseförderung angesetzt. 

Gefördert wird der Vertrieb von Tages- und Wochenzeitungen. Eine besondere Förderung erfährt die regionale Vielfalt der Tageszeitungen. Voraussetzung für den Erhalt von Fördergeldern sind journalistische Mindeststandards. Zugleich schreibt das Gesetz Maßnahmen zur Qualitätsförderung vor. In Wien wird mittlerweile darüber diskutiert, die Presse noch stärker zu unterstützen. 

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Pressedruck in Potsdam produziert 
Teilauflagen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und die Märkische Allgemeine Zeitung.

Zeitung am Nachmittag

Auch in Berlin will die Regierung Angela Merkels die bundesweite Versorgung mit Presseerzeugnissen »für alle Haushalte – in Stadt und Land gleichermaßen« sichern. So heißt es im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD von 2018. Dazu sollen »neue Finanzierungsmodelle oder indirekte Fördermaßnahmen geprüft werden«. Passiert ist seither nichts Positives.

Die verkauften Stückzahlen der Printauflagen im Zeitungsland sinken seit Jahren. »Dieser Trend wird in den nächsten Jahren – gleichwohl abgeschwächt bei den Tageszeitungen – weiter anhalten.« Zu diesem Ergebnis gelangte kürzlich die Unternehmensberatung PwC in einer Studie.

Staatliche Hilfen allein werden den Leserschwund nicht stoppen können. Martin Dieckmann, ver.di-Fachbereichsleiter Medien in Hamburg, sieht Verleger und Journalist*innen in der Pflicht, »neue Formate zu entwickeln«. Die durchschnittlichen Leser*innen einer gedruckten Zeitung seien heute über 60 Jahre alt. Ein Blick in die Mediengeschichte zeige, dass Zeitungen auch am Nachmittag erscheinen könnten. Ein anderer Ansatz kommt aus Dänemark. Dort gibt es Initiativen zu konstruktivem Journalismus. Statt negative Nachrichten zu verbreiten, wird über positive Entwicklungen berichtet. Also nicht nur erzählt, wo Probleme liegen, sondern auch, wie es besser geht.

Mehr aufs Papier bringen

Wie die meisten Fachleute sieht auch Jörg Buteweg die Zukunft der gedruckten Zeitung pessimistisch. »Aber ich möchte den Rückgang der gedruckten Auflagenhöhe so langsam wie möglich machen.« Print sollte dazu Online nutzen, empfiehlt der Leiter der Wirtschaftsredaktion der Badischen Zeitung.

So sei die Rückkoppelung darüber, welche Themen und Formate Leser wirklich schätzen, über die Online-Ausgaben direkter und genauer als bei klassischen Marktumfragen möglich. Davon könnten Redaktionen lernen, »Print moderner zu machen«. Buteweg plädiert daher für »eine enge Verzahnung« von Print mit Online.

Einen wichtigen Ansatzpunkt für eine Wende sieht der Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung, Professor Michael Haller: Die Regionalzeitungsverlage sollten sich breiter aufstellen, »mehr aufs Papier bringen«. Etwa Beilagen über neue Online-Apps neben dem Fernsehprogramm, regionale Kundenzeitschriften, Spezialangebote für Zielgruppen. Das geschehe zwar schon vielerorts, aber hier sei »noch Luft nach oben«.

Zudem macht Haller eine Marktlücke zwischen Regionalzeitungen und lokalen Werbeblättern aus, die pfiffige Start-ups nutzen könnten. Beispiele finde man in manchen Großstädten als »Stadtteilzeitung neuen Typs«.

Kurzum: Es gibt Ideen, wie gedruckte Zeitungen gestützt werden könnten – und mit ihnen auch die Druckereien.

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Funke schließt Druckerei

Die Funke Mediengruppe kündigte im Februar einen massiven Stellenabbau an. Dazu gehört die Schließung der Druckerei in Essen mit 120 Arbeitsplätzen. Die wird mit dem Rückgang von Auflagen bei Tageszeitungen begründet.

Zurzeit verhandeln ver.di, der Betriebsrat und der Verlag, ob und wie es weitergehen kann. Einen weiteren Druckstandort gibt es in Hagen. Funke will rund 350 der 6.000 Arbeitsplätze abbauen und Redaktionen und Verlagsabteilungen dicht machen. ver.di macht »publizistische und unternehmerische Fehlentscheidungen« dafür verantwortlich, dass ein Verlagskonzern »systematisch vor die Wand gefahren« werde.
red

\\ Zeitungsdruck

Zerschlagung der DuMont Mediengruppe

Die Nachricht war unabsichtlich durchgesickert. Ende Februar wurde bekannt, dass die DuMont Mediengruppe für ihre Tageszeitungen, Druckereien und Anzeigenblätter Käufer sucht. Betroffen sind davon der Kölner Stadtanzeiger und Express, die Berliner Zeitung, der Berliner Kurier sowie die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und die Hamburger Morgenpost. Außerdem die Druckereien in Köln, Berlin und Halle. Die Betriebsräte und ver.di forderten die Mediengruppe auf, die Belegschaften und die Öffentlichkeit zu informieren, wie es weitergeht. Inzwischen macht sich Pragmatismus breit: »Druckerei und Redaktion fahren vermutlich besser mit einem neuen Eigentümer, der Interesse am Zeitungsmachen hat«, sagt ein Beschäftigter, »als mit Inhabern, die die Lust daran verloren haben.«
red