Druckindustrie

Mithalten oder untergehen

Bei CPI Books in Leck stehen inzwischen drei Digitaldruckmaschinen | 
Die sparen dem Unternehmen Zeit, Personal und Kosten

Wer unachtsam ist, könnte vorbeilaufen. Das Haus sieht nach Eigenheim aus – mit Ziegelstein und Walmdach, einem Stück Rasen hinter der niedrigen Mauer, der Eingang gesäumt von aufrechten Buchsbäumen. Wie so viele in der Umgebung der Gemeinde Leck – oben, in Nordfriesland, zwischen Marsch und Geest.

Doch wer Treppen hinaufsteigt und Gänge entlangläuft und immer weiter in die Gebäude vordringt, findet sich mitten in einer der größten Buchdruckereien Europas wieder. Jeden Tag können hier 100.000 Hardcover und 500.000 Taschenbücher gedruckt werden. Ob Bestseller oder Ladenhüter, das Enthüllungsbuch über Trump oder Fitzeks neuester Psychothriller – was heute bei CPI Books in Leck gedruckt wird, geht übermorgen über den Ladentisch. Bücherdrucken ist Massenproduktion, just in time, Tempo, Tempo, mithalten oder untergehen.

Eine Digitaldruckmaschine scheint nicht hierher zu passen – zu einer Buchdruckerei wie CPI Books mit einer Kundschaft von knapp 500 Verlagen, die – schnell, schnell – nachordern. Weil sie immer noch langsamer ist als eine Offsetrotation und auch keine so hohen Auflagen schafft. Im Gegenteil: Gerade weil die Verlage oft immer kleinere Auflagen in Auftrag geben, ist die Digitaldruckmaschine für die Druckerei attraktiv: ohne Druckplatten kein Plattenwechsel, kaum Rüstzeiten, wenig Einrichtungsmakulatur, seltener Papierrisse – das spart Personal, Zeit, Kosten.

Bei CPI Books in Leck gibt es drei Digitaldruckmaschinen. Eine produziert Umschläge für Taschenbücher, sieht aus wie ein überdimensionierter Kopierer und steht in einem klimatisierten Raum hinter einer Glaswand. Die beiden anderen, jeweils fünf Millionen Euro teuren, digitalen Rollen-Inkjetmaschinen produzieren komplette Buchblocks, die in der Weiterverarbeitung fertiggestellt werden. Solche Maschinen stehen derzeit nur 
in Frankreich, Großbritannien und eben in Leck.

Drei Kollegen sind an dieser Digitaldruckmaschine beschäftigt: Der Rolleur baut die Rolle ein und der Abnehmer setzt die Buchblöcke auf eine Palette. Dazwischen Tim Schneider – Herrscher über die 24 Meter lange Maschine, 41 Jahre alt, Drucker. Darauf legt der Betriebsratsvorsitzende Bernd Johannsen wert: An diesem Platz arbeiten ausschließlich Drucker; das ist mit dem Unternehmen so vereinbart.

Neue Technik findet Tim Schneider spannend. »Ich kenne die Maschine gut und arbeite gern daran.« Er hat mehrere Schulungen in Leck durchlaufen und war auch zwei Wochen beim Hersteller in den USA. Rund ein Dutzend Drucker beherrschen die Digitaldruckmaschinen in Leck.

Schneider öffnet die beiden Türen im Druckwerk, die sonst verschlossen sind, und zeigt, was sich dahinter verbirgt: Hier wird die Papierbahn zentriert, Fixiermittel aufgetragen, damit die Farbe nicht durchs Papier dringt – erst Schwarz, dann trocknen, dann Blau, Rot und Gelb, wieder trocknen, Bahn wenden, alles noch einmal. Eine Kamera kontrolliert, die Aufnahme wird mit dem PDF abgeglichen, Fehlermeldungen liefert die Maschine an Tim Schneider.

Jährlich schafft eine solche digitale Rollendruckmaschine etwa zehn Millionen Bücher. Mit dem herkömmlichen Rollenoffsetdruck kann sie nicht mithalten. Wohl aber mit dem Bogendruck. Von den einst sechs Bogendruckmaschinen gibt es in Leck nur noch zwei.

Ein Nein gibt es nicht

»1 bis 1 Million« – das ist der Slogan von CPI. Soll heißen: Wir drucken alles von einem Exemplar bis zur Massenauflage. Theoretisch ja, praktisch kommt das Einzelstück in Leck nicht vor. Eins stimmt aber: Die Kolleginnen und Kollegen vom Verkauf sind angehalten, jeden Auftrag entgegenzunehmen, sofern er technisch umsetzbar ist. Ein Nein gibt es nicht.

Weil Verlage Lagerflächen weitgehend abgeschafft haben – zu teuer – und ihnen hohe Auflagen wirtschaftlich zu riskant sind, beauftragen sie bei den Druckereien kleinere Auflagen und ordern nach, wenn sich ein Buch gut verkauft. Dann wird ein Auftrag reingequetscht, selbst wenn dafür Zeit und Leute fehlen. Die Folge an den konventionellen Druckmaschinen: Papier wechseln, Platten wechseln, einrichten, umrüsten, wieder anderes Papier, neue Platten, umrüsten, einrichten. »Mal Luft holen und kurz mit dem Kollegen plaudern, das gibt es kaum mehr«, sagt Betriebsratsvorsitzender Bernd Johannsen. Und das gilt genauso für die Weiterverarbeitung.

Weil der Zeitdruck hoch ist und das Personal knapp, werden auch mal Reparaturen verschoben und Wartungen hinausgezögert mit der Folge, dass auch mal Bogen verfalzen, weil verschlissene Führungsbänder nicht ausgewechselt wurden. Das kostet dann wieder Zeit, die woanders reingeholt werden muss.

»Schnell fahren, Menge produzieren und noch gute Qualität liefern, das geht nicht«, erklärt Erk Johannsen. Er ist 64 Jahre alt, Buchdrucker, jetzt Rentner und froh, diesen Stress los zu sein. Stress geht so: »Wie weit bist du denn?«, fragt der Teamleiter. »Der LKW steht schon auf dem Hof.« Druck geht so: »Tja, dann geht das woandershin.« Mehr muss ein Vorgesetzter nicht sagen, damit jeder aus der Belegschaft weiß, was damit gemeint ist. »Woanders«, das ist das Synonym für Pößneck in Thüringen, Standort einer großen Druckerei von Bertelsmann. Dort gilt kein Tarif. Dort wird billiger produziert. Verliert CPI Books Aufträge an Bertelsmann, ist der eigene Arbeitsplatz in Gefahr. Und diese Bedrohung nutzt die Buchdruckerei auch mal, um die widerständige Belegschaft gefügig zu machen. Zumindest versucht sie es.

Jörg Scharnweber-Feddersen, 52, leidenschaftlicher Bogendrucker, ist überzeugt davon, dass man früher ein beliebiges Buch aufschlagen und schon an der Druckqualität der Seiten erkennen konnte: Das kommt aus unserem Haus. Stolz habe man das gesagt. Doch die Identifikation mit der Firma sei 
weitgehend verloren gegangen. Was zähle, seien Zahlen. Und das mache Druck. Er schlafe schlechter als früher und sei nach der Schicht erschöpft. »Dann muss ich mich zu jeder Aktivität zwingen.«

Erk Johannsen hat das hinter sich. Aber jetzt hat der Rentner keine Zeit mehr zum Plaudern, er will wieder aufs Boot. An dem Haus mit Walmdach kommt er nur noch selten vorbei.

Circle Media Group kauft CPI

Der französische Buchdruckkonzern CPI 
ist von Circle Media Group übernommen worden. Damit gehören jetzt auch die 
Druckereien Clausen & Bosse in Leck, 
Ebner & Spiegel in Ulm, Moravia Books 
in Pohořelice (Tschechien) und buch 
bücher.de in Birkach zur Circle Media Group. Die Circle Media Group mit Sitzen 
in Amsterdam und Paris hat kürzlich eine belgische Druckerei gekauft und ist 2017 aus dem Zusammenschluss zwischen 
Roto Smeets und Circle Printers entstanden. Der Konzern hat Druck- und Medienbetriebe in Österreich, Belgien, Finnland, Spanien, den Niederlanden, Ungarn; in Deutschland gehört die Firma J. Fink 
Druck in Ostfildern bei Stuttgart dazu.

Mit dem Kauf von CPI ist ein Druckereiverbund mit einem Umsatz von 900 Millionen Euro und mehr als 5.000 Beschäftigten entstanden. Circle Media Group verfügt nach eigenen Angaben über 135 Druck-
maschinen – davon 29 digitale. Damit 
ist der Druck von mehr als einer Million Tonnen Papier im Jahr möglich.

CPI Books in Leck
Rund 530 Beschäftigte arbeiten bei CPI Books in Leck, früher: Clausen & Bosse. Das Unternehmen gehört zu den 100 größten Arbeitgebern Schleswig-Holsteins.