Porträt

Ein pragmatischer Kämpfer

Heinrich Plaßmann, Betriebsratsvorsitzender bei DuMont in Köln, 
ist konfliktfähig, aber nicht konfliktsüchtig

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Seine Arbeit als Betriebsratsvorsitzender der DuMont Mediengruppe in Köln beschreibt Heinrich Plaßmann in drei Worten: geerdet und bodenständig. »Ich bin überzeugter und leidenschaftlicher Gewerkschafter, weil ich das Bewusstsein eines abhängig Beschäftigten habe.« Ein Ideologe im Kampf zwischen Kapital und Arbeit sei er aber nicht. »Wir sind konfliktfähig, auch durchsetzungsfähig, aber nicht konfliktsüchtig. Ich gucke auf das, was die Kolleginnen und Kollegen bewegt.« Das bringe sein Naturell mit sich: westfälisch-bäuerlich, eben bodenständig.

Was das praktisch heißt? Gerade kommt er von einem Gespräch mit einer Kollegin, die eingeschränkt leistungsfähig ist, wie das im Amtsdeutsch heißt. »Ich kämpfe darum, für sie weitere Beschäftigung zu finden und dass sie bleiben kann. Da braucht man mitunter nicht nur Widerstandskraft, sondern auch ein wenig Fantasie, um eine Tätigkeit für sie zu kreieren.«

Geerdet – darunter versteht der seit 
15 Jahren freigestellte Betriebsrat auch, die Arbeit seiner rund 700 Kollegen und Kolleginnen genau zu kennen. Einmal die Woche nimmt er sich Zeit, um durch die Abteilungen zu schlendern, hier Guten Tag zu sagen, dort zu reden. Gern macht er das. Als es um die Einführung der 35-Stunden-Woche ging, ist er erstmals durchs Verlagshaus gezogen. »Durch alle Winkel und Ecken, vom Keller bis unters Dach. Ich habe jede Arbeitsgruppe kennengelernt. Ich habe mich dazugesetzt, habe mir erklären lassen, was sie machen, warum sie’s machen, wie sie‘s machen, an welcher Stelle sie in der Produktionskette sind.«

Plaßmann ist seit vielen Jahre im Betriebsrat und sagt dennoch: »Ich weiß, dass ich nicht alles kann. Ich kenne das Betriebsverfassungsgesetz und weiß, was ich mitbestimmen darf. Aber wer als Betriebsrat meint, alles selber zu wissen und zu können, überall schlau zu sein, dem traue ich nicht.«

Der Verlag ist inzwischen in viele Firmen 
zerschlagen, unter anderem in Finanzabteilung, Controlling, Blattplanung, Anzeigeninnendienst, Anzeigenaußendienst. »Auch wenn das jetzt eigene Firmen sind, haben sie doch die alten Schwierigkeiten.« Bislang war es zwar nicht möglich, einen Konzernbetriebsrat zu gründen. Aber dennoch treffen sich regelmäßig mehr als ein Dutzend Betriebsratsgremien am Standort Köln alle drei Monate für zwei, drei Stunden. Große Gremien, mittlere und Ein-Mann-Betriebsräte.

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»Ich kenne das Betriebsverfassungsgesetz und weiß, 
was ich mitbestimmen darf. 
Aber wer als Betriebsrat 
meint, alles zu können, dem 
traue ich nicht.«

Dabei wird über alles gesprochen, was mehrere Betriebe betrifft. Und jeden dritten Freitag im Monat gibt es eine Sprechstunde für die Betriebsräte, die noch neu am Start sind. »Da geht es darum, Handwerkszeug zu vermitteln.«

Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit gehören für Heinrich Plaßmann zusammen. Früh schon hat der jetzt 64-jährige Gewerkschaft kennengelernt, damals noch die IG Druck und Papier. Gern erinnert er sich an ein Rhetorikseminar im Schulungshaus in Springen im Taunus. Der Seminarleiter forderte bei einem Probevortrag, den Rücken durchzudrücken, die Erde zu spüren. Da ist es wieder – das Geerdete, Bodenständige. Wenn Heinrich Plaßmann zurückschaut, fällt ihm ein Unterschied zu heute besonders auf: Damals verstand sich die Gewerkschaft klar als Kampforganisation; ein Selbstverständnis, das Heinrich Plaßmann heute ein wenig vermisst. »Politische Bildung, das Wissen darum, dass ich meine Arbeitskraft verkaufen muss – das Wissen muss wieder stärker vermittelt werden.«

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»Es gibt nicht nur Supermacker und Lowperformer, 
sondern alle sind an ihrer 
Stelle hervorragend.«

Heinrich Plaßmann ist während des 
Studiums in die Verlagsbranche gekommen. Er hat dort nebenbei als Korrektor gearbeitet. Irgendwann hat sich das umgekehrt: 
Er hat mehr gearbeitet als studiert und das Studium der Heil- und Sonderpädagogik nach zehn Semestern – der Sohn wurde gerade geboren – aufgegeben.

Na ja, Studium: Eingeschrieben war er schon. Aber vor allem ist er zusammen mit zwei Kumpels aus seiner studentischen Wohngemeinschaft auf Reisen gegangen: per Bus, Zug, auf Lkw, über die Türkei, Persien, Afghanistan bis nach Nepal und ins indische Hippieparadies Goa.

»Wir haben häufig am Stadtrand oder in Dörfern privat bei Menschen übernachtet. Wir konnten zwar die Sprache nicht, haben aber mit ihnen gegessen, das Feuer am Brennen gehalten.« Eine Schule des Lebens, die Heinrich Plaßmann noch heute weiterhilft, als grundsätzliche Prägung seines Menschenbildes. »Es gibt nicht nur Supermacker und Lowperformer, wie Unternehmer gern angebliche Minderleister nennen, sondern alle sind jeweils an ihrer Stelle hervorragend.«

Die Gedanken an die Arbeit – Betriebsrat und Gewerkschaft – nimmt er auch immer wieder mit nach Hause. Das lässt sich nicht einfach abstreifen. Aber manchmal schafft er es, den Kopf freizubekommen. Heinrich Plaßmann singt dienstags abends in einem Chor. In den ist er zufällig geraten. Er war zum 60. Geburtstag einer Nachbarin eingeladen und dort hat ein Chor mit den Gästen gesungen. »Jemand aus dem Chor sprach mich an, ich hätte eine schöne Stimme. So bin ich als Tenor in diesen Chor gerutscht.«

Ausgerechnet Heinrich Plaßmann, den 
seine Schulzeit auf dem Evangelischen Stiftsgymnasium in Gütersloh zum überzeugten Humanisten fern kirchlichen Glaubens gemacht hat, übt jetzt in einer katholischen Kirche. Sie proben Jazzgesänge, Gospelsongs; gern singt er die »Bohemien Rhapsody« und auch Leonard Cohens »Hallelujah«. Hin und wieder auch ein paar Kirchenlieder: Der Chor darf umsonst im Kirchenraum proben und dafür singt er einmal im Jahr in der Kirche eine Messe. Es sei erstaunlich, wie befreiend der gemeinsame Gesang sei. »Ich muss mich auf etwas völlig anderes konzentrieren als auf das, was ich sonst in meinem Hirn bewege. Der gesamte Körper wird zum Resonanzraum, jede Faser des Körpers wird durch das Singen ins Mitschwingen versetzt. Am Schluss habe ich ein Gefühl, als wäre ich leichter. Danach bin ich gut gelaunt. Der Druck ist weg, ich habe kein Problem aus der Firma mehr im Kopf.«

Zu Hause das Denken gelernt

Heinrich Plaßmann, der Älteste von acht Geschwistern, wächst in einem konservativen, katholischen Elternhaus auf. Der Vater – Sohn eines Bauern – ist Lohnbuchhalter bei Miele, die Mutter Hausfrau; zu Hause lernt Heinrich Plaßmann freies Diskutieren und freies Denken am Küchentisch. Nach Abitur und Zivildienst beginnt er, Heil- und Sonderpädagogik in Köln zu studieren, und arbeitet bei verschiedenen Satzbetrieben als Korrektor. 1987 fängt er beim Verlag M. DuMont Schauberg an, wird erst zum Vertrauensmann, dann in den Betriebsrat gewählt. Betriebsratsvorsitzender ist er seit 2014; außerdem gehört 
er dem ver.di-Bezirksvorstand des Fachbereichs an und ist ehrenamtlicher Verhandlungsführer der Tarifkommission der Angestellten in den 
Zeitungsverlagen Nordrhein-Westfalen.