Papierverarbeitung

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Das modernste Werk ist fast menschenleer

Faltschachtelproduktion von Schur Pack in Gallin | Vieles ist automatisiert | Körperliche Belastungen werden weniger | »Für Leute, die ihr Gehirn einschalten« |

Von oben sieht der Gewerbepark aus, als hätte jemand fantasielos Bauklötze in die Landschaft gesetzt – lang, flach, weiß, grau. Businesspark A24 heißt er, A24 wie die Autobahn Hamburg–Berlin.
Von hier ist man in einer Dreiviertelstunde am Hamburger Hafen. Der Landkreis Ludwigslust-Parchim am südwestlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns wirbt damit, zur Metropolregion Hamburg zu gehören.

Also Business nah an Hamburg, aber viel billiger. Geld gibt es noch obendrauf fürs Ansiedeln. Edeka, Tchibo und ein Fleischwerk haben sich in die Landschaft gefressen. Äcker und Wiesen bekommt man hier für wenig Geld, verglichen mit den Grundstückspreisen in Hamburg, die Gewerbesteuer ist um ein Drittel niedriger und die Löhne sind es auch. Elektrizitätszähler machen sie hier, Kabelsätze, Spezialcontainer für Rüstungs- und Atomtechnik, Deckelfolien, Hohlkörper.

Ein Werk der Superlative

Vor zwei Jahren hat sich auch die Verpackungsfirma Schur Pack niedergelassen. Die Hallen sind genauso monoton wie die anderen Gebäude, gleichförmig, zweckmäßig. Es ist ein Werk der Superlative: vier Fußballfelder groß, neue Maschinen, 1.000 Quadratmeter Solarzellen auf dem Dach – das modernste Faltschachtelwerk Europas – automatisiert und fast menschenleer. Hier hat in jeder Schicht ein Produktionsmitarbeiter fast die Größe eines Eis
hockey-Spielfelds für sich allein.

Es ist fast so rein wie in einem Labor. Wer die Produktionshalle betritt, muss Arm-
banduhr und Schmuck ablegen. Rein in den 
weißen Kittel, der Besucher kenntlich macht, Haube auf den Kopf, Haare darunterschieben. Durchs Drehkreuz geht es erst, wenn die Hände in eine Apparatur gesteckt werden, aus der Seife tröpfelt. Hände raus, mit dem Knie den Knopf am Wasserbecken drücken, waschen. Das sind die Hygienevorschriften von Kunden. Bei Schur Pack in Gallin werden vor allem Lebensmittelverpackungen hergestellt – für Schokolade, Fertig- und Tiefkühlgerichte, auch für Tiernahrung.

Die erste Station führt in den Versand. Kein Mensch zu sehen. Oder doch? Da 
hinten ist ein Arbeiter. Da noch einer. Drei pro Schicht. Auffälliger sind die fahrer-
losen Transportfahrzeuge – Gabelstapler, die wie von Geisterhand gesteuert werden. Automatisch greifen sie nach den Paletten, setzen zurück und kurven ihre Ladung ins Hochregallager. Dabei stoßen sie kurze Pfeiftöne aus. Der Vorteil für die Firma: So einer braucht keine Pausen, keinen Acht-Stunden-Tag und keinen Lohn. Bei Schur Pack gibt es nur noch wenige Gabelstapler, die von Menschenhand geführt werden. Bald werden auch sie durch fahrerlose Fahrzeuge ersetzt.

Im Hochregallager stapeln sich die Paletten 30 Meter bis unters Dach; höher war nicht erlaubt wegen der Einflugschneise des Hamburger Flughafens. »Bis zu 23.000 Paletten haben hier Platz«, erläutert Geschäftsführer Klaus Madsen beim Rundgang. Am Eingang des Lagers hängt Kletterausrüstung – Helme, Seile, Schlingen; aber hier schlüpft keiner in die Gurte. Nur wenn mal Paletten klemmen, klettert einer ins Regal.

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Geschäftsführer Klaus Madsen (links) und der frühere Betriebsratsvorsitzende Stephan Sager

Zu schnell fürs Auge

In der großen Halle dominieren die drei Druckmaschinen, akkurat eine neben der anderen. In Rot und Weiß und mit dem Konterfei der Schurs aus drei Generationen dekoriert: Johan Wilhelm, Sohn Fritz Theodor und Enkel Johan Wilhelm. Jede Maschine – zwei 6-Farben-Anlagen und eine mit 8 Farbwerken – schafft bis zu 20.000 Bögen in der Stunde. Deren Qualität wird von Kameras überwacht. Ausschuss wird aussortiert. Automatisch. Vieles ist automatisiert. Rüstzeiten sollen weiter minimiert werden – und die Zahl der Beschäftigten auch. An jeder Maschine arbeiten zwei Drucker: einer an der Auslage, der andere ist weit weg am Anleger – bei der vorderen Druckmaschine fast 30 Meter entfernt. 
Damit weicht die Maschinenbesetzung 
vom Tarif ab.

»Früher brauchten wir Leute, die ihre Muskelkraft eingesetzt haben«, sagt Geschäftsführer Klaus Madsen. »Heute brauchen wir Leute, die ihr Gehirn einschalten.« Körperlich schwere Arbeit sei weitgehend verschwunden. Jetzt überwachen die Beschäftigten Maschinen, die in solcher Geschwindigkeit produzieren, dass das Auge kein Produkt mehr erkennt. Wie an der Falzklebemaschine – 82.000 Faltschachteln pro Stunde produziert sie – falzen, kleben, in Kartons verpacken, fertig für den Kunden.

Roboter im Käfig

Laut ist es hier. Es zischt, faucht, pfeift. Wie ist es, hier zu arbeiten? Antworten gibt es keine. Der Geschäftsführer sieht es nicht gerne, wenn die Beschäftigten gefragt werden. Es dürfen hier auch keine Fotos gemacht werden: nicht vom Roboter im Käfig, nicht von der speziell für Schur hergestellten Maschine.

Wie sind die Arbeitsbedingungen? Was macht den Beschäftigten zu schaffen? Was macht sie auf Dauer vielleicht krank? Und nach der Schicht erschöpft? Das zu ermitteln, ist Aufgabe des Unternehmens. Solche Gefährdungen müssen abgestellt werden. Die sogenannte Gefährdungsbeurteilung ist gesetzlich vorgeschrieben, insbesondere bei einem neuen Werk. Schur Pack hat sie für die körperlichen Belastungen gemacht, nicht für die psychischen.

»Das neue Werk war notwendig«, sagt Klaus Madsen. Bis vor zwei Jahren produzierte Schur Pack noch in Büchen, ein paar Kilometer entfernt. Die Fabrik war über 60 Jahre alt und immer wieder erweitert worden, sie hatte eine niedrige Hallenhöhe und stand mitten in einem Mischgebiet von Gewerbe und Wohnungen mit Einschränkungen für den Lkw-Verkehr. Hier hätte es keine Zukunft für Schur Pack gegeben, sagt der Geschäftsführer. Die Menge zu dem Preis – das sei nur im neuen Werk möglich. Dort kann heute innerhalb von acht Stunden eine gesamte Lkw-Ladung an Faltschachteln produziert werden. Standard, sagt Madsen. Das könnten andere Faltschachtelunternehmen auch.

Keine einzige Maschine hat Schur Pack aus dem alten Werk mitgenommen. Aber so gut wie alle Beschäftigten. Das war Bedingung von ver.di und dem Betriebsrat – jeder sollte seinen Arbeitsplatz behalten. Fällt eine Tätigkeit weg, muss einer versetzt und neu angelernt werden. »Manch ein Beschäftigter – vor allem in der Weiterverarbeitung – tut sich noch schwer mit der hoch automatisierten Produktion«, sagt der frühere Betriebsratsvorsitzende Stephan Sager. »Wir schulen sie doch«, sagt Madsen. Sager: »Nicht genug.«

Es ist früher Nachmittag. Auf dem Parkplatz vor der Firma stehen nur wenige Autos. Die Spätschicht hat angefangen.

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Drei Druckmaschinen – allesamt neu angeschafft

Der Schur-Konzern

Schur stellt Faltschachteln, flexible Verpackungen, Verpackungsmaschinen und Verpackungssysteme her; der Firmensitz ist im dänischen Horsens an der Ostküste Jütlands. Die 1846 gegründete Firma gilt nach eigenen Angaben als ältestes familien
geführtes Verpackungsunternehmen der Welt. Der in 15 einzelne Unternehmen gegliederte Konzern beschäftigt etwa 850 Menschen in Dänemark, Schweden, Deutschland, Frankreich, Australien und den USA. Schur Pack – unter dem Dach von Carton Packaging – hat Fabriken in Schweden, Dänemark und Deutschland. Die Familie Schur gehört seit 2017 zu den 50 reichsten Dänen.

Umzug von West nach Ost

Im September 2016 eröffnete Schur Pack sein neuestes Faltschachtelwerk. Das Unternehmen war von Büchen nach Gallin umgezogen – dazwischen liegen nur 20 Autominuten, aber zwei Tarifwelten. Denn Büchen liegt in Schleswig-Holstein und Gallin mit 580 Einwohnern in Mecklenburg-Vorpommern – sie trennen der Druck-Tarifvertrag West und Ost. Die 155 Schur-Pack-Beschäftigten arbeiten statt 35 Stunden pro Woche nun drei Stunden mehr; trotz Ausgleichszahlungen erhalten sie etwa 300 bis 350 Euro monatlich weniger.

Für Schur Pack hat sich der Umzug gelohnt: Der Konzern hat knapp 70 Millionen Euro investiert und etwa ein Viertel geschenkt bekommen – aus einem Fonds, mit dem der Bund strukturschwache Regionen fördert. Schur hat sich im Gewerbepark eine so große Fläche gesichert, dass die Produktion bei Bedarf erweitert werden kann. Geplant sei das zurzeit nicht.