Arbeit

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Warum sie weniger bekommt, als sie verdient

Frauenarbeit wird unterbewertet | Entgeltlücke so hoch wie eh und je |

Stell dir vor, dein Kollege hat am 16. Oktober seine Tasche gepackt und sich verabschiedet: »Tschüssi! Bis zum nächsten Jahr.« Du musst weiterarbeiten 
bis zum 31. Dezember. Weil du eine Frau bist.

Ungerecht? Stimmt. Mitte Oktober haben Männer schon das Gehalt auf dem Konto, für das Frauen ein ganzes Jahr brauchen. Weil Männern mehr 
bezahlt wird. Exakt 22 Prozent.

Wie kann das sein? Ein Blick in die Betriebe. Sonoco in Lübeck: Hier werden Verpackungen für Lebensmittel hergestellt. Wickler heißen die Männer, die mithilfe von Maschinen Lagen von Papier zu 
einem Rohr formen. Eine Wicklerin gab es lange nicht. In der Abteilung arbeitete zwar eine Kollegin, die die gleiche Arbeit machte wie die Männer, doch sie wurde als Etikettiererin geführt. Die sind eine Lohngruppe niedriger. Erst als sie sich wehrte, wurde sie richtig bezahlt.

Ilona Vahlendieck, Betriebsratsvorsitzende in Lübeck und Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Sonoco, hat geprüft, wie viele Frauen und Männer in welchen Lohngruppen zu finden sind. Sie war vom Ergebnis selbst überrascht. In unteren Lohngruppen drängeln sich die Frauen, in den oberen die Männer. »Ich hätte nicht gedacht, dass sich das so deutlich trennt.« Ob Frauen benachteiligt werden, dem will sie nun nachgehen.

Ihr Lohn schrumpft

HID Global Rastede: Bei dem Plastikkartenhersteller arbeiten in einer Abteilung ausschließlich Frauen. Sie sichten und prüfen und bekommen am wenigsten: 12,90 Euro pro Stunde. Die Arbeit sei leicht erlernbar. So begründet das tariflose Unternehmen den niedrigen Verdienst gegenüber dem Betriebsrat. In einer anderen Abteilung sind mehrheitlich Männer. Sie erhalten 14,98 Euro. Weil sie an Maschinen arbeiteten und damit Verantwortung für Sachwerte trügen.

Die übliche Argumentation. Wird eine Tätigkeit von vielen Männern ausgeübt, werden hohe An
forderungen und Belastungen zugrunde gelegt. 
Bei Frauen weniger. Schon schrumpft der Lohn. 
Das muss sich ändern. Ein Ansatz: »Hier müsste 
geprüft werden, ob Gewissenhaftigkeit, Konzen
tration und Monotonie in die Bewertung der 
Frauentätigkeit eingeflossen sind«, sagt Karin Tondorf, Forscherin zu Entgelt- und Gleichstellungspolitik. Was Gewerkschaften, Betriebsräte und Frauen selbst tun können, damit es gerecht zugeht, steht in den Artikeln „Entgeltgerechtigkeit“ und „Auch Frauen spielen die erste Geige“.