Arbeit

Vor der Arbeitslosigkeit gerettet

Helfer zu Druckern umschulen | Mit Berufsausbildung sind die Chancen auf eine Stelle höher

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Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Detlef Schütz erinnert sich noch gut an die Zeit im Februar 2006, als Kolleginnen und Kollegen der Ostsee-Zeitung 14 Tage lang streikten. Es ging um die Maschinenbesetzung der neuen Commander 6/2 von 
Koenig & Bauer. Und um Arbeitsplätze. Während an der alten Druckmaschine ein Leiter Rotation, zwei Meister, 16 Drucker und 21 Helfer beschäftigt waren, sollte die neue Rotation – wäre es nach dem Unternehmen gegangen – nur noch von ein paar Druckern bedient werden.

Angelernte gehen oft leer aus

»Heute fahren wir pro Schicht mit einem Schichtleiter, vier Druckern und je nach Produktionserfordernis mit zwei Rolleuren«, sagt Detlef Schütz. Das ist das Ergebnis einer Betriebsvereinbarung nach Streik und Verhandlungen in der Einigungsstelle. Immerhin elf der ehemaligen Helfer wurden an den neuen Rollenträgern geschult; insgesamt arbeiten heute noch zwei Schichtleiter, neun Drucker und fünf Rolleure in der Rotation der Ostsee-Zeitung. Einige Helfer wechselten in die Weiterverarbeitung, einer ging in die Poststelle, etliche kamen in einer Transfergesellschaft unter. »Die Fachhelfer waren mit die Ersten, auf die die Geschäftsführung verzichtete«, sagt Schütz.

Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung haben ein größeres Risiko, arbeitslos zu werden, als Facharbeiter. Das ist nicht nur in der Druckindustrie und Papierverarbeitung so, sondern in vielen Branchen. Für die An- und Ungelernten, für Helfer im Druck und der Weiterverarbeitung ist es 
deshalb wichtig, sich qualifizieren zu können. Doch es sind gerade die An- und Ungelernten, die bei Weiterbildungsangeboten oft leer ausgehen. Es sei denn, Betriebsrat und Gewerkschaft setzen das in Unternehmen durch.

Helferjobs auf der Kippe

Aktuell verhandelt der Süddeutsche Verlag Zeitungsdruck München mit ver.di und Betriebsrat über die Maschinenbesetzung einer neuen Farbsteuerung, die 2018 angeschafft werden soll. Das Unternehmen will Personal abbauen. Entlassen wird keiner, das habe die Firma garantiert, sagt Betriebsratsvorsitzender Torsten Friedrich. Aber es sollen Stellen wegfallen. Ziel des Unternehmens ist es, auf lange Sicht nur noch Drucker und Druckerinnen an den Maschinen einzusetzen. Und ganz ohne Helfer auszukommen.

Zurzeit sorgen noch 59 Drucker und 
30 Helfer dafür, dass die Rotation rundläuft. ver.di fordert eine tarifliche Vereinbarung, nach der die Firma Helfern eine Umschulung zum Drucker anbieten muss, sagt Andreas Fröhlich, Verhandlungsführer von ver.di.

Helfer zu Druckern zu qualifizieren, damit hat auch die Augsburger Allgemeine Zeitung Erfahrung. Als dort 2006 die neue Druckma
schine in Betrieb ging, standen rund 40 Helfer vor der Entscheidung, sich entweder zum Drucker umschulen zu lassen oder mit einer Abfindung zu gehen. Die Hälfte entschied sich für die Umschulung, sagt Herbert 
Kuchenbaur. »Da gehört schon was dazu, das mit Anfang 50 noch mal in Angriff zu nehmen«, erinnert sich der ehemalige Betriebsrat. In zehn Monaten paukten gestandene Helfer, die ihre Maschine in- und auswendig kannten, den Stoff der dreijährigen Ausbildung neben dem Job. »Sie opferten Freizeit, schlossen sich in Lerngruppen 
zusammen, aber es ging ja auch um den 
Arbeitsplatz.« Die Berufsschullehrer zogen mit, Betriebsräte unterrichteten samstags 
im Betrieb Rechnen, um Wissenslücken zu schließen. »Alle haben es geschafft«, sagt Kuchenbaur stolz. Die Qualifizierung, die eine Betriebsvereinbarung regelte, lohnte sich – um den eigenen Arbeitsplatz zu 
erhalten und um mehr zu verdienen. »Den Weg sind damals nicht viele Zeitungshäuser gegangen. Wir waren einer der wenigen Betriebe, die so etwas gemacht haben.«

Erfolgreiches Modell

Auch im Süddeutschen Verlag qualifizierten sich vor einigen Jahren schon einmal Helfer zu Druckern, als die neue Druckmaschine angeschafft wurde. »Das war ein erfolgreiches Modell«, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Auch jetzt soll der Haustarifvertrag unter anderem Helfern eine neue berufliche Perspektive bieten. »Fachkräfte in der Industrie haben bessere Chancen, den Job zu behalten, auch wenn neue Technik eingesetzt wird«, erklärt Andreas Fröhlich von ver.di.

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