Auszeit

Strichjungen in der Hotellobby

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Ich mag Lobbyisten. Sie kümmern sich um Dinge, um die sich sonst niemand scheren würde. Zwar für Geld, aber immerhin. Wer würde sich denn, ohne Kohle zu kriegen, sonst für die Waffenindustrie engagieren? Wer mit gesundem Menschenverstand und 
eigenen Kindern würde ohne Bezahlung PR für die Atomindustrie machen? Welcher normale Mensch würde sich aus eigenem Antrieb für niedrigere Unternehmenssteuern einsetzen? – Eben, niemand.

Einfach so sind alle immer nur solidarisch mit Walen, Afrika oder Flüchtlingen. Lobbyisten sind wie Pflichtverteidiger für Straftäter – es muss sie geben. Solidarität ist der wichtigste Kitt, der unsre Gesellschaft zusammenhält. Lobbyisten schaffen beruflich Solidarität, tolle Sache! Sex ist auch eine tolle Sache. Was mich nur wundert: Wenn Frauen für Geld ihren Körper verkaufen, nennen wir das abfällig Prostitution. Wenn Männer für Geld ihren Geist verkaufen, nennen wir das anerkennend Karriere. Dabei hängen Lobbyisten und Prostituierte oft gemeinsam in der 
Hotellobby ab und warten auf die 
gleiche Kundschaft. Man könnte sagen: Lobbyisten sind die Strichjungen des Neoliberalismus. Doch auch, wenn 
Solidarität und Sex gut sind: Prostituierte und Lobbyisten muss man sich leisten können.

Das Problem ist: Politiker nehmen die Anliegen der Lobbyisten viel ernster als die Interessen von Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ich würde nie behaupten, Parteispenden sind legalisierte Korruption. Neeiiin! Aber ist es nicht komisch, dass viele Politiker – die von Steuergeldern leben – Lobbyisten empfangen, aber linke Demonstranten als gefährliche Chaoten beschimpfen, obwohl diese völlig unbezahlt in ihrer Freizeit auf die Straße gehen? Es hilft nichts, wir müssen wohl zusammenlegen und uns ein paar Lobbyisten kaufen. Wieviel das kostet? Halbe Stunde, 50 Euro. Robert Griess

www.robertgriess.de