Arbeit

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Riskante Schichtpläne

Feierabend morgens um 5 Uhr, Kaffee zum Wachhalten mitten in der Nacht – das ist typisch für Nachtschichtarbeiter. Mehr als jeder vierte abhängig Beschäftigte arbeitet Schicht, etwa jeder Neunte regelmäßig nachts. Nacht- und Schichtarbeit nehmen zu, weil Unternehmen die Maschinen auslasten wollen, am besten rund um die Uhr. Umso wichtiger sind gute Schichtpläne.

Der Betrieb – nennen wir ihn Globalpack – will die Produktion ausweiten. Doch das geht nur, wenn die Schichten ausgedehnt werden. Bislang wird bei Globalpack von Montag bis Freitag im Wechsel früh, spät und nachts gearbeitet. Das Wochenende ist frei. Jetzt will die Firma die Schichten auf samstags von 6 bis 14 Uhr und sonntags von 22 bis um 6 Uhr ausweiten.

Der Betriebsrat stemmt sich nicht dagegen. Doch wenn Schichtarbeit ausgedehnt werden soll, dann sollte der Schichtrhythmus verträglich sein – für die Gesundheit und fürs Privat- und Familienleben. Das ist bislang nicht so. Zurzeit sieht der Schichtplan so aus: fünf Tage Spätschicht, fünf Tage Frühschicht, fünf Nachtschichten. Doch die Rückwärtsrotation von Spät-, auf Früh-, auf Nachtschicht sowie die fünf Nachtschichten in Folge sehen Arbeitswissenschaftler kritisch. Denn bei Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass Schichtarbeiter beim Vorwärtswechsel (Früh-, Spät- und Nachtschicht) weniger Beschwerden zeigen. Arbeitswissenschaftler empfehlen zudem kurze Wechsel statt der langen Blöcke, am besten zwei Frühschichten, zwei Spät-, zwei Nachtschichten.

Vieles ist bekannt, aber dennoch sind in vielen Betrieben der Papierverarbeitung und Druckindustrie gesundheitlich riskante Schichtpläne zu finden: rückwärts rollierend mit fünf, sechs Nachtschichten hintereinander. Das liegt zum einen daran, dass Schichtarbeitende eine Art Gewöhnungseffekt erleben. Nach drei Nachtschichten stelle sich das Gefühl ein: »Jetzt schaffe ich auch noch die nächsten drei«, sagt Rolf Satzer, Psychologe und Berater für Gesundheitsschutz, Arbeitsgestaltung und Arbeitszeit. Zum anderen wirkten steuerfreie Nachtschichtzulagen als Anreiz. Rolf Satzer und Thomas Langhoff haben in dem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt »Zukunftstaugliche Gestaltung der Schichtarbeit in der Produktion« – GeSCHICHT Belastungen in Schichtsystemen untersucht.

Schlechter Schlaf

Allerdings sei der Gewöhnungseffekt an Nachtzyklen weder arbeitsmedizinisch noch biologisch bestätigt: Nachweislich sinkt die Schlafqualität und der Erholungsbedarf steigt. Die Freizeit nach der Nachtschicht ist oft zu kurz bemessen. Und besonders negativ: Die Unfallhäufigkeit steigt bereits nach der dritten Nachtschicht rapide an, die Qualitätseinbußen im Produktionsprozess nehmen zu.

Schichtsysteme zu ändern, ist schwierig. Viele Betriebsräte scheuen die Konflikte mit der Belegschaft. Auch viele der Globalpack-Schichtarbeiter wollen von neuen Schichtplänen nichts wissen. Kein Wunder. Ihr ganzes Familien- und Privatleben ist auf den derzeitigen Schichtplan abgestimmt. Auch die Wünsche der jungen und älteren Kollegen driften auseinander: Die jungen Kollegen hoffen bei einer Ausdehnung der Produktion darauf, mehr Nachtschichten leisten zu können, um durch die Zuschläge mehr Geld zu verdienen. »Während viele über 50-Jährige lieber heute als morgen aus der Nachtschicht raus wollen«, sagt ein Betriebsratsmitglied von Globalpack. Der Betriebsrat sieht das skeptisch, wenn belastende Schichten auf die Jungen abgewälzt werden. Denn wer in jungen Jahren viele Nachtschichten abreißt, hat ein hohes Risiko, später krank zu werden. »Ich kann die jungen Kollegen aber auch verstehen. Sie haben vielleicht ein Haus gebaut und eine Familie gegründet und sind jetzt auf jeden Cent angewiesen.« Klar ist, dass ein neuer Schichtplan von den Kollegen akzeptiert werden muss. Deshalb wird der Betriebsrat eine Probezeit vereinbaren. Lehnt die Mehrheit der Belegschaft ihn ab, muss zum alten Rhythmus zurückgekehrt werden.

Im Zeitungsdruck

Viel schwieriger ist es im Zeitungsdruck. Dort müssen ausgerechnet nachts, wenn der Körper auf Ruhe programmiert ist, Höchstleistungen erbracht werden. Außerdem werden nachts auch die meisten Arbeitskräfte eingesetzt. Einen guten Schichtplan im Zeitungsdruck zu konstruieren, ist oft schwierig. Die Arbeitszeitberaterin Hiltraud Grzech-Sukalo empfiehlt, sich zunächst genau die Arbeitsabläufe anzuschauen. Gibt es Produkte wie Broschüren oder Beilagen, die auch tagsüber gedruckt werden können? »Alles, was nicht unbedingt nachts erledigt werden muss, sollte auf den Tag verlegt werden.« Möglich wäre außerdem, die Nachtschicht so kurz wie möglich zu halten und die Zahl der Nachtschichten zu reduzieren. Aber das hieße, auf Geld zu verzichten. Denkbar wäre auch eine tarifliche Lösung: Wer 55 Jahre alt ist und regelmäßig nachts arbeitet, darf drei Nachtschichten streichen, mit 57 sogar sechs. Natürlich bezahlt. Opa-Tage heißt das Modell bei Hydro Aluminium in Hamburg. Klingt respektlos, kommt aber gut an.