Arbeit

Stirbt der Beruf des Druckers aus?

Bei Industrie 4.0 wird viel orakelt: Arbeitsplätze verschwinden, Berufe sterben aus und ganze Branchen gehen unter. Was die Medien aufbauschen und was realistisch ist, erklärt Thomas Hagenhofer vom ZFA.

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DRUCK+PAPIER: Ist die Druckindustrie auf Industrie 4.0 vorbereitet?

Thomas Hagenhofer: Sie ist so gut oder schlecht darauf vorbereitet wie andere kleine und mittelständische Unternehmen aus anderen Branchen auch. Befragungen aus dem Jahr 2015 kamen zu dem Ergebnis, dass lediglich jedes fünfte Unternehmen mit dem Begriff »Industrie 4.0« etwas anfangen konnte, und nur jedes 25. war im Begriff, ein Projekt dazu umzusetzen oder zu planen.

Auf dem Fachkongress »So geht Zukunft. Druckindustrie 4.0« bei Heidelberger Druckmaschinen im November 2016 machten viele Referenten deutlich, dass Druckunternehmen keine Überlebenschancen haben, wenn sie nicht sofort in Industrie 4.0 einsteigen. Ist da was dran?

Diese Drohkulisse dient auch dazu, Gewerkschaften unter Druck zu setzen, etwa nicht auf dem Acht-Stunden-Tag zu beharren, sondern mehr Flexibilisierung zu Gunsten der Unternehmen zuzulassen. Und nicht ständig Höchstanforderungen beim Datenschutz oder bei der Computersicherheit zu stellen. Wenn wir uns jetzt nicht als Vorreiter für Industrie 4.0 präsentieren, sind morgen die Arbeitsplätze weg. So lautet die Drohung.

Und das ist eine leere Drohung?

Industrie 4.0 ist im Moment noch eine in den Medien aufgebauschte Welle. Real gibt es sie nur vereinzelt in Pilotbetrieben. Dennoch wird sich vieles deutlich verändern. Sogenannte intelligente Systeme werden etwa in den Verwaltungen große Auswirkungen haben. Programme, die das gesprochene Wort in Text übertragen und übersetzen, die den Eingang eines Dokuments erkennen und selbständig die nächsten Bearbeitungsschritte einleiten, werden die Arbeit im Büro und in Verlagen grundlegend verändern.

Was bedeutet das für den Druck? Job-Reports prophezeien, dass der Beruf des/r Druckers/in aussterben wird. 

Aufgrund der steigenden Produktivität wird die Zahl der Beschäftigten und Auszubildenden in der Druckindustrie weiter sinken. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Wegfall von Berufsbildern. Was man jetzt mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, ist, dass in Zukunft vermutlich niemand gebraucht wird, der einfach neben einer Maschine steht und sie beaufsichtigt. Solche Jobs werden wegfallen. Aber wir werden hoch qualifizierte Drucker und Druckerinnen brauchen. Die Frage ist, ob wir es schaffen, dass der Drucker zur Schlüsselfigur bei Print 4.0 wird oder ob wir es zulassen, dass wichtige Tätigkeiten ausgelagert oder von Externen eingekauft werden. Dann würden weitere Arbeitsplätze in der Druckindustrie wegfallen und woanders aufgebaut werden.

Wie lässt sich das verhindern?

Indem Druckereien neue Geschäftsfelder schaffen und sich dem Kunden als Mediendienstleister anbieten, die ihn bei Online-Shops unterstützen, personalisierte Produkte entwickeln, ihm die Auslieferung abnehmen, vielleicht sogar beim Kunden direkt drucken und gar keine eigenen Druckereien mehr betreiben. Kurzum: Wir brauchen Druckunternehmen, die dem Kunden mehr Service gerade im Rahmen der digitalisierten Produktion oder Dienstleistung anbieten, indem sie die Daten, die beim Druck anfallen, für andere Angebote nutzen. Sie müssen sich unentbehrlich machen.

Sind die künftigen Medientechnologen Druck darauf vorbereitet?

Was die Berufsbilder angeht, ja. Aber viele Druckereien, etwa im Digitaldruck bilden nicht auf dem Niveau aus, wie es erforderlich wäre. Die Azubis könnten mehr lernen, wenn solche Druckereien über Lernortkooperationen fehlende Ausbildungskompetenz ausgleichen würden. Das Problem ist aber nicht so sehr die Ausbildung, sondern die Weiterbildung. Wie gelingt es, die Beschäftigten so zu qualifizieren, dass sie bei den Neuerungen mithalten können?