Auszeit

Solidarität – kein IKEA-Beistelltisch

Wer hat eigentlich zu verantworten, dass vor 30 Jahren Chancengleichheit, Solidarität und soziale Gerechtigkeit als erstrebenswerte Ziele unserer Gesellschaft galten, heute aber Gier und Egoismus als noble Charaktereigenschaften? Das kann doch nicht alles Dieter Bohlen allein gewesen sein. Sind Gewerkschafter wirklich die Letzten in unserer Gesellschaft, für die »Solidarität« nicht der Name eines IKEA-Beistelltischs ist, sondern eine Grundhaltung? Und trifft das überhaupt noch für alle Gewerkschafter zu?

Überall werden uns Errungenschaften vom Brot genommen, die unsere Vorfahren vor Jahrzehnten für uns erkämpft haben, und alle machen mit. Wenn über Rente mit 69 diskutiert wird, geht es ja nicht darum, dass wir erst mit 69 in Rente gehen. Außer Wolfgang Schäuble arbeitet so lang eh kaum einer. Es geht darum, dass jeder, der dann nicht bis 69 arbeitet, Abzüge bekommt. Frage: Warum eigentlich nicht gleich Rente mit 99? Schäuble, dieser Beelzebub der Business-Bourgeoisie, ist dann bestimmt immer noch Minister.

Für die Krankenkasse zahlen wir demnächst hohe Zusatzbeiträge. Und dann machen auch noch diese vielen schlecht bezahlten New-Economy-Jobs bei Deliveroo, Uber usw. immer mehr Leute zu ihren eigenen Unternehmern ohne soziales Netz, die flexibel ihre Restlebenszeit zu Markte tragen müssen. In Zukunft fahren dann immer mehr, immer schlechter bezahlte Leute das Essen zu immer weniger Superverdienenden, die Konzepte entwickeln, mit denen man die Rente und die Reichensteuern mindern kann. Vor 30 Jahren hieß es in einem bekannten Protest-Song (ja, es gab mal Lieder mit Inhalt!): »Alle Menschen, die ein bess’res Leben wünschen, sollen AUFSTEHN!« Heute steht keiner mehr auf. Heute sagen die Recken von einst: »Aufstehn? – Wir haben Rücken!«

Robert Griess ist Kabarettist und hat gerade sein neues 
Buch »KÖLN – Satirisches Handgepäck« veröffentlicht. 
Mehr Info: 
www.robertgriess.de