Menschen & Meinungen

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Zweites Zuhause verloren

»Vielleicht bin ich ein Besessener«, sagt Peter Reinold, 64, Betriebsratsvorsitzender beim Westfalen-Blatt, von sich. Auf jeden Fall ist er ein Mensch mit Prinzipien und vielen Funktionen bei ver.di. Einer, der die Schließung des Heinrich-Hansen-Hauses so schnell nicht vergessen wird.

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Nur der Warmhaltewagen steht noch im Speisesaal, leer und kalt, als hätte ihn jemand vergessen. Die Elektrokabel hängen wie tote Schlangen herunter. Die Tafel am Empfang ist blank, auf dem Tresen nicht ein Fitzelchen ­Papier. Und der Veranstaltungsraum der Bildungsstätte – die Brücke – liegt da wie ein verlassener Tanzsaal, die dicken, roten Vorhänge sperren die Sonnenstrahlen aus.

Peter Reinold fegt mit der Hand die Spinnweben weg und steuert auf das Zimmer mit der Nummer zwei zu. Dort hat er am 6. Dezember zum letzten Mal gewohnt, bevor das Heinrich-Hansen-Haus geschlossen wurde. Geht rein, bleibt in der Ecke stehen und betrachtet das Zimmer aus der Entfernung. »Das ist doch keine Bruchbude.«

Bruchbude, so hat eine aus dem Gewerkschaftsrat die ver.di-Bildungsstätte in Lage-Hörste genannt. Und dann für die Schließung gestimmt. Ohne das Haus je gesehen zu haben. So schließt es sich besser.

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Reinold hat fast seine gesamte gewerkschaftliche Bildung und Gremienarbeit im Heinrich-Hansen-Haus gemacht. Hunderte Male ist er hierher gefahren. Sonntags zur Fachgruppe, zu den Branchenseminaren und Druckertagen, zu sämtlichen Seminaren für Betriebsräte. Denn als er sich entschieden hatte, als Betriebsrat zu kandidieren, »wollte ich das Handwerkszeug richtig lernen«. Und gegautscht worden ist er hier. Triefend, klatschnass und nach Luft schnappend hat er die alte Tradition der Buchdrucker und Schriftsetzer überstanden, die ihre Lehrlinge in einer Freisprechzeremonie nach bestandener Prüfung tunkten. Hörste war sein zweites Zuhause.

»Ich kann es nicht begreifen.« Er setzt die Brille ab, zieht ein Taschentuch hervor und wischt sich über die Augen. »Ich will es auch nicht.« Leise sagt er das. Es ist die Art und Weise gewesen, wie ver.di die Bildungsstätte dichtgemacht hat. Ohne ernsthaft Alternativen zu prüfen. »Skrupellos«, findet er. »Schlimmer als in jeder x-beliebigen Firma.« Mit einem Ruck schiebt er die Brille hoch – Schluss jetzt, er muss aufhören, darüber nachzugrübeln; sonst regt er sich wieder auf.

Das mit dem Nicht-Aufregen gelingt ihm gerade nicht so gut. Im Betrieb herrscht eine Stimmung, die Betriebsrätin Karin Deppe so beschreibt: »Die allgemeine Unzufriedenheit frisst sich durchs Haus, sucht ein Ventil und das ist oft Peter.« Der Buhmann. Der die Beschäftigten um ihr Geld bringt. So sehen das einige. Aber statt es ihm ins Gesicht zu sagen, machen sie ihrem Unmut anonym Luft. Peter Reinold zieht eine Kopie aus seiner Aktentasche: Darauf die Kandidatenfotos zur Betriebsratswahl, seines ist mit einem dicken Kreuz durchgestrichen, ein Auge blau ausgemalt.

Der Hintergrund: Als 2013 das neue Druckzentrum eröffnet wurde mitsamt neuer Druckmaschine, hat der Betriebsrat mit der Geschäftsführung gemeinsam die Arbeitszeit um drei Stunden verkürzt. »Andernfalls hätte die Modernisierung die Arbeit von acht Helfern gekostet.« Jobs sichern, den Tarif halten – das ist sein Ziel. Immer. Das ist er der Belegschaft schuldig, findet er. Die zieht mit, der Betriebsrat wird für den Deutschen Betriebsrätepreis nominiert.

 

Feiges Hintenherum

Doch dann kommt Druck. Die Gesellschafter wollen sparen, sagt die Geschäftsführung. Sie wollen die Streiks nicht. Sie wollen aus dem Tarif raus. Damit das nicht passiert, wird wieder die Arbeitszeit im Druckhaus gekürzt, jetzt auf 31,5 Stunden pro Woche. Das fehlt am Lohn. Gültig bis Ende 2019, so lange wie die Beschäftigungssicherung. Zudem schmilzt der Zuschlag für Samstagsarbeit, ist aber noch über Tarif. Die Antrittsgebühr bleibt, die gibt es sogar für die Frauen in der Einlage der Weiterverarbeitung. Aber das solidarische Modell zieht bei vielen nicht mehr.

Schuld sind die Veränderungen im neuen Druckzentrum, vermutet Karin Deppe. Zu wenige Drucker an der Maschine, die Hetze, die kürzere Arbeitszeit und weniger Geld. Der Unmut sucht im Betriebsrat einen Schuldigen, glaubt sie. Peter Reinold weiß das. »Es ist schwierig, gleichzeitig sauber zu bleiben und dauernd Kompromisse eingehen zu müssen.« Das macht ihm zu schaffen. Dieses Kreuz durch sein Gesicht, das feige Hintenherum, das ärgert ihn. Und dass einige Kollegen und Kolleginnen die Absicherung der Arbeitsplätze in den nächsten Jahren nicht wertschätzen. Dieses schlechte Gefühl folgt ihm bis nach Hause.

 

Stur und ordentlich

Dabei hat er es in den vergangenen Jahren geschafft, die Arbeit abends hinter sich zu lassen, sobald sich die Schranke am Werkseingang hinter ihm schloss. Nicht mal den Ärger, damals mit dem alten Geschäftsführer, hat er mit nach Hause genommen. Ein Beschlussverfahren nach dem anderen; immer wieder musste der Betriebsrat vors Arbeitsgericht ziehen, weil sich der Geschäftsführer querstellte. »Mit den Jahren habe ich gelernt, mit der Gegenseite umzugehen. Nur Draufhauen bringt nichts.« Was dann? »Peter bleibt so lange an einer Sache dran, bis er sie durchgezogen hat«, sagt Karin Deppe. Manche sagen, er sei stur. Und extrem in seinem Ordnungsfimmel.

Die Maus exakt in der Mitte des Mousepad, der Stifthalter parallel zur Unterlage, Kante auf Kante, als hätte einer mit dem Lineal nachgemessen. Alle Ordner in der gleichen Schriftgröße beschriftet, jedes Foto in einer Klarsichthülle, dahinter der Bildtext. Abends verschwindet jedes Stück Papier, jeder Ordner von der Schreibtischfläche, ein Ziehen und Drücken, jetzt steht auch der Schreibtischstuhl, wo er stehen soll. Extrem. Er zuckt die Schultern, sollen sie doch sagen, was sie wollen. Er hat seine Prinzipien. »Ich brauche die Ordnung, um einen Überblick zu behalten.« Über all die Sitzungen, Sitzungsunterlagen und Gremien. Warum tut er sich das an? Falsche Frage. »Ich mache das nicht widerwillig, sondern gern.« Viele ließen sich nicht mehr gern in Gewerkschaftsarbeit einbinden. Er ist anders. »Vielleicht bin ich ein Besessener. Ich will mit Macht Gewerkschaftsstrukturen erhalten.«

 

Draußen, vor dem Heinrich-Hansen-Haus, wo einst die Stühle unterm Sonnenschirm standen, wuchern Steinkraut, Disteln, Giersch und Schafgarbe. Ein dürres Geäst lässt sich vom Wind treiben. »Das wäre der Tagesablauf gewesen: Seminar, grillen, ein schönes, kaltes Bier dazu und mit den Kollegen zusammensitzen. Das war Hörste.«

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Aktiv auf allen ver.di-Ebenen

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Die Setzmaschine aus Hörste ist gerettet und ins Druckzentrum des Westfalen-Blatts zurückgekehrt.

Mit 15 Jahren hat Peter Reinold seine Lehre als Buchdrucker begonnen. Sechs Jahre später schulte er beim Westfalen-Blatt in Bielefeld zum Rotationsdrucker um. Mehr als vier Jahrzehnte ist er jetzt dort beschäftigt. Wenn er nächstes Jahr in Rente geht, hat er insgesamt 50 Jahre gearbeitet und war 20 Jahre lang freigestellter Betriebsratsvorsitzender. Bis dahin behält er sämtliche Funktionen bei ver.di und das sind eine ganze Menge: Vorsitzender im Ortsverein Bielefeld, einer der Stellvertreter des ver.di-Bezirksvorsitzenden und stellvertretender Vorsitzender in der Landesfachgruppe, Mitglied im Landesbezirksfachbereichsvorstand. Weiter: Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Bundesfachgruppe und der Tarifkommission in der Druckindustrie.

Das bürgerlich-konservative Westfalen-
Blatt gehört mehrheitlich der Familie Busse, weitere Anteile halten Dirk Ippen und die Aschendorff-Gruppe. Im Druckzentrum arbeiten rund 100 Beschäftigte; Satz, Redaktion und weitere Abteilungen mit 220 Frauen und Männern gehören zu einer weiteren eigenständigen Firma.

Korrektur

In der DRUCK+PAPIER 3.2016 ist uns auf Seite 8 auf der Landkarte zu Dirk Ippens 
Zeitungsimperium ein Fehler unterlaufen. 
Das Westfalen-Blatt ist – anders als in der Darstellung – tarifgebunden.