Auszeit

Anderthalb Kilo Geschichte

Vordenker, Strategen – und gute Schreiber. Ein Buch über die mehr als 150-jährige Tradition der DRUCK+PAPIER

Hallo du. Oder Sie. Beim Lesen erwischt! Freut mich. Wer jetzt in der DRUCK+PAPIER herumblättert oder auf ihr hoch- und runterscrollt, hat nicht nur das jüngste Machwerk der Redaktion in der Hand, sondern bewegt sich auch inmitten einer mehr als 150-jährigen Tradition. Denn DRUCK+PAPIER ist die Nachfolgezeitung von Der Correspondent, der »Wochenschrift für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer«. Erstmals erschienen am 
1. Januar 1863.

 

Biografien erzählen Geschichte

Was in der Zwischenzeit bis heute passiert ist, hat Rüdiger Zimmermann aufgeschrieben. Herausgekommen ist das Buch »Vordenker und Strategen«, anderthalb Kilo schwer und 480 Seiten dick. Der ehemalige Chefbibliothekar der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung hatte eine kluge Idee. Statt Geschichte in Jahreszahlen zu quetschen, erzählt er sie entlang von Menschen: mit 22 Biografien von Redakteuren, die von 1863 bis vor Kurzem für die Branchenzeitung verantwortlich waren.

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Rüdiger Zimmermann: Vordenker und Strategen – Die Gewerkschaftspresse im grafischen Gewerbe und ihre Redakteure seit 1863, Metropol, 2016, 29,90 Euro, 
ISBN: 978-3-86331-302-9

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Einer fehlt: Henrik Müller, bis 2012 Redakteur der Druck+Papier

Bis vor Kurzem? Stimmt nicht. Denn einer fehlt. Bis 2012 recherchierte, schrieb und redigierte Henrik Müller 16 Jahre lang die DRUCK+PAPIER. Und so wie die anderen Kollegen (keine einzige Frau ist darunter) hätte auch Henrik Müller eine knackige Überschrift verdient gehabt. Etwa: das wandelnde Lexikon der Arbeiterbewegung. Weil er so viel weiß und wusste. Vermutlich machte sich Henrik Müller lieber daran, das Werk zu lektorieren. Gemeinsam mit dem ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske und seinem Stellvertreter Frank Werneke hat er es herausgegeben.

Müller war der letzte fest angestellte Redakteur der DRUCK+PAPIER und einer der wenigen gelernten Journalisten. Denn zu verantwortlichen Redakteuren auserkoren wurden allen voran Schriftsetzer, aber auch Drucker und ein Jurist. Merke ich mir: Facharbeiterschutz gilt nur für die anderen, nicht aber für Journalisten.

Hallo du. Noch da? Lass dir, Kollege und Kollegin, gesagt sein: Unsere Vorgänger-Redakteure mussten nicht so um die Aufmerksamkeit ihrer Mitglieder betteln. Drei Mal pro Woche ist der Korrespondent (so die spätere Schreibweise) von 1875 an erschienen, öfter als jedes andere Gewerkschaftsblatt. Und man musste die Zeitung extra bezahlen – das Abonnement gehörte nicht zur Mitgliedschaft im Verband der Deutschen Buchdrucker, der ältesten Vorläuferorganisation von ver.di. Kurzum: Die Buchdrucker und Schriftgießer lechzten geradezu nach Neuigkeiten und Standpunkten. Und befeuerten ihrerseits die Redaktion mit wöchentlich 50 bis 60 Berichten.

Vieles war damals anders. Nicht selten standen früher Redakteure mit einem Bein im Gefängnis, wie es im Vorwort heißt. Allein eine Warnung vor der Übernahme von Streikbrucharbeit konnte wegen »Ehrverletzung« oder »Verrufserklärung« mit mehrwöchiger Gefängnishaft bestraft werden.

 

Mutige Redakteure

Manch einer traute sich auch mehr als heute. Zum Beispiel Egon Lutz, Schriftsetzer und 1960 jüngster Chefredakteur eines Gewerkschaftsblatts. Er griff bundesweite Skandale auf und beschränkte sich nicht auf Branchenspezifisches. Ob der Widerstand spanischer Gewerkschafter gegen die Franco-Diktatur oder die Lebens- und Arbeitsbedingungen der »Gastarbeiter«, solche Themen fanden Platz. Sein Ton: scharf, polemisch, satirisch. Was Egon Lutz auch mal eine Strafanzeige des damaligen Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß (CSU) einbrachte.

Aber nicht alles war anders. Ein guter Schreibstil ist damals genauso gut angekommen wie heute. Wie eben der von Egon Lutz. Der, sagt Rüdiger Zimmermann, setzte sich 
von der »Schwerblütigkeit« vieler ehrenamtlicher und hauptamtlicher Gewerkschaftsjournalisten ab.

Grotesk mutet heute allerdings die aggressive Reaktion der Unternehmer auf die Serie »Was uns im Betrieb geärgert hat« im Jahr 1962 an. Das zeigt eins: Unternehmer und Arbeitgeber haben die Gewerkschaftspresse damals ernst genommen.

 

»Der radikale Doktor«

Jahre später trat wieder einer an, der über »eine geschliffene Rhetorik« verfügte, polemisch zuspitzte und wortgewaltig schrieb und redete: »der radikale Doktor« Detlef Hensche. Ins öffentliche Bewusstsein schaffte es der Jurist jedoch weniger durch seine journalistische Arbeit als vielmehr durch die beiden großen Arbeitskämpfe in der Druckindustrie 1976 und 1978.

Es reicht jetzt, findest du? Dann solltest du dir im Internet mal die Ausgaben von 1870 bis 1933 anschauen (http://library.fes.de/gwp/browse). Ganze Seiten ohne Fotos und ohne Grafiken, dafür jede Menge Stellenanzeigen und Text. Daher hat die Bleiwüste ihren Namen.