Menschen & Meinungen

Ein guter oder schlechter Kompromiss?

Jeder Tarifabschluss ist ein Kompromiss. Denn selten setzt eine Seite alle ihre Forderungen durch. Doch es stellt sich die Frage: Ist es ein guter oder schlechter Kompromiss? Hat ver.di alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Hätte mehr herauskommen können? Diese Debatte gibt es auch über den im Juni erzielten Tarifabschluss für die Druckindustrie. Manche Kolleginnen und Kollegen, die mehrfach und länger gestreikt haben, sind unzufrieden. Andere sind froh, Schlimmeres abgewendet zu haben. Für beide Sichtweisen gibt es gute Argumente. Wir lassen an dieser Stelle zwei Kollegen mit unterschiedlichen Bewertungen zu Wort kommen, stellvertretend für andere.

 

Pro & Contra Tarifrunde 2016

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Erich Ruf, Betriebsratsvorsitzender bei der CPI Ebner & Spiegel GmbH in Ulm

»Es ist uns gelungen, den Flächentarif zu erhalten. Das ist für mich und meine Kolleginnen und Kollegen ganz zentral. Denn zu versuchen, Lohnerhöhungen über Haustarifverträge zu erreichen, wäre in vielen Betrieben sehr schwer geworden. Das gilt besonders für die Buchherstellung, wo etliche Unternehmen rote Zahlen schreiben.

Unter diesen Bedingungen ist der Flächentarifvertrag Gold wert. Vielleicht könnten einzelne Belegschaften in Haustarifverhandlungen mehr rausholen. Aber der große Rest würde hinten runterfallen.

Wichtig ist, dass die Tabellenentgelte in den 29 Monaten um insgesamt 3,8 Prozent erhöht werden. Das schlägt sich auch bei Zuschlägen, bei der Jahressonderzahlung und im Urlaubsgeld nieder. Und es wirkt dauerhaft. Von Einmalzahlungen hätten wir nicht so viel gehabt. Wegen der niedrigen Preissteigerung bleibt unterm Strich einiges hängen. Deshalb kommt der Abschluss bei uns im Betrieb gut an.«

Samir Alicic, Betriebsratsvorsitzender der Pressehaus Stuttgart Druck GmbH

»Die Kolleginnen und Kollegen in meinem Betrieb sind enttäuscht – und ich bin es auch. Ich empfinde dieses Tarifergebnis als den größten Tiefschlag der vergangenen Jahre. Wir liegen fast 70 Prozent unter der ursprünglichen Forderung. Das ist einfach nicht akzeptabel. Unser Ziel, nicht weiter von der Lohnentwicklung anderer Branchen abgehängt zu werden, haben wir eindeutig verfehlt. Etliche Kollegen wollten austreten. Es waren viele Diskussionen nötig, um sie davon abzuhalten. Als schlimm habe ich auch empfunden, dass die streikenden Belegschaften den Preis dafür zahlen müssen, einen Abschluss in der Fläche zu ermöglichen. Die Kommunikation gegenüber den Verantwortlichen in den Streikbetrieben ist stark verbesserungsfähig.

Im Stuttgarter Pressehaus haben wir insgesamt sieben Schichten gestreikt. Im Druckbereich, aber auch in der Vorstufe und der Weiterverarbeitung waren fast alle dabei. Wir wären auch noch steigerungsfähig gewesen. Aber offenbar war das nicht überall so. Das ist schade.«

 

Samir-Alicic

Infos zum Tarifkonflikt

Der Abschluss: Die Beschäftigten in der Druckindustrie erhalten eine Lohnerhöhung von 3,8 Prozent in zwei Stufen. Die erste Erhöhung von zwei Prozent wurde am 
1. Juli fällig, die zweite Erhöhung von 
1,8 Prozent wird ab August 2017 gezahlt. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 
29 Monaten bis 31. August 2018.

Die Streiks: Rund 3.000 Beschäftigte aus 46 Betrieben haben die Arbeit niedergelegt. Manche Belegschaften streikten über sechs oder sieben Schichten. Den streikstarken Belegschaften ist es zu verdanken, dass letztlich ein Tarifergebnis erzielt und der Flächentarifvertrag erhalten werden konnte.

Die Chronologie: Beim Verhandlungsauftakt am 7. April in Berlin legte der Arbeitgeberverband kein Angebot vor. ver.di begründete die Forderung von fünf Prozent mehr Lohn und Gehalt. In der zweiten Verhandlungsrunde am 3. Mai bot der Arbeitgeberverband 1,2 Prozent bei einer Laufzeit von 18 Monaten. ver.di bewertete dies als indiskutabel. Vor dem dritten Treffen am 24. Mai legten etliche Belegschaften die Arbeit nieder. ver.di schlug einen Abschluss von 4,5 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von 24 Monaten vor, was den bis dahin erreichten Abschlüssen in anderen Branchen entsprach. Die Arbeitgeber lehnten ab. Die Warnstreiks wurden fortgesetzt und bis zum Abschluss durchgehalten. Erst nach einer langen Verhandlungsnacht kam es in den Morgenstunden des 14. Juni zu einem Abschluss, dem die ver.di-Tarifkommission am 22. Juni bei einer Gegenstimme zustimmte.