Auszeit

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»Keine Kunst für die Ewigkeit«

Hyacinta Hovestadt formt Skulpturen aus Wellpappe

Wellpappe ist ein alltägliches, wenig aufregendes Material, nützlich und stabil – denkt man, bevor man die Skulpturen der Düsseldorfer Künstlerin Hyacinta Hovestadt gesehen hat. Dann erkennt man, dass Wellpappe in vielen verschiedenen erdigen Farben schimmern kann, dass sich aus ihr dynamische, anheimelnd runde oder filigran erscheinende Körper und Reliefs formen lassen. Die »ungelernte Bildhauerin« hat mit der Pappe das ihr genehme Material für ihre künstlerische Ausdrucksform gefunden.

Die Frage, ob der Name Hyacinta ein Künstlername ist, ist wenig originell, wird von der Künstlerin aber dennoch mit ruhiger Freundlichkeit beantwortet: Nein, ihre katholischen Eltern wollten im Marienjahr 1954 das fünfte ihrer letztlich acht Kinder nach der portugiesischen Heiligen Jacinta benennen, die Zeugin einer Marienerscheinung gewesen sein soll. Die eingedeutschte Schreibweise ist dem Standesbeamten zu verdanken. Das sehr religiöse Elternhaus im westfälischen Münsterland prägte die kleine fromme Hyacinta Clara Maria zunächst so, dass sie Nonne werden wollte. In einer wenig erfolgreichen Schulzeit erkannte aber eine aufmerksame Kunstlehrerin, »dass ich ein Talent habe«, und lobte sie dafür.

Hovestadt studierte nach dem Abitur Malerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf und Kunstwissenschaften in Münster – zunächst auf Lehramt: »Das war der Kompromiss mit meinen Eltern.« Vier Jahre unterrichtete sie am Gymnasium: »Aber das war nicht meins.« Besser lag ihr danach die sechsjährige Tätigkeit als Museumspädagogin in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. Ab 1992 arbeitete sie als freie Journalistin und Drehbuchautorin, Letzteres zusammen mit ihrem Ehemann, einem Filmemacher. Dann wagte sie den Sprung in die freie künstlerische Tätigkeit. »Ich wollte doch immer Kunst machen!«

Homepage der Künstlerin: www.cintart.de

Vor zehn Jahren Wellpappe entdeckt

Man kommt ja nicht auf die Welt und denkt: »Ich werde mal Skulpturen aus Wellpappe schaffen.« Es kann dauern, Jahrzehnte sogar, bis man jenes Material findet, mit dem man künstlerisch arbeiten will und kann. So war das bei Hyacinta Hovestadt. Jetzt ist sie 61, vor knapp zehn Jahren haben die Wellpappe und sie sich sozusagen gefunden. »Ich suchte nach dem Gespräch mit einer Frau, die um ihre Schwester trauerte, nach einem Ort für diese Trauer und wollte ein leeres Gefäß schaffen, das Geborgenheit vermittelt, aus dem man aber auch ins Licht hinausschauen kann.« Es entstand ein offenes, nicht perfekt rundes Gebilde – wie ein großer Korb ohne Henkel aus übereinandergeschichteten, schräg aufgeschnittenen Wellpappestreifen.

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»Die Wellpappe stand herum, die hatte ich für Malaktionen mit Kindern vorrätig.« Hovestadt arbeitet mit Teppichmessern, die sie – entgegen den Sicherheitsbedenken – meistens zu sich hin führt, weil sie dann mehr Kraft hat, als wenn sie vom Körper weg schneidet. »Ich schneide mich oft, aber nie schlimm«, beruhigt die Künstlerin, die dabei stets eine dicke Gartenschürze trägt. Die Pappeschichten verklebt sie mit Holzleim, die Farbenvielfalt entsteht alleine durch die unterschiedliche natürliche Färbung der Pappe. Hovestadt: »Ich verwende ein Industriematerial, das ich quasi aus seinem Zweck herausnehme und einem anderen zuführe.« Im wahrsten Wortsinn nimmt sie neuerdings die Hohlkammerplatten aus Türen oder Tischplatten, reißt die Löcher auf – die entstehenden fragilen Reliefs erinnern an Bienenwaben.

Ihr Material sucht sie nicht gezielt, sie nimmt, was kommt: »Ich bekomme beispielsweise Möbelverpackungen von Freunden, finde Kartons im Sperrmüll; sie sollten allerdings kaum bedruckt und nicht zu weich sein.« Ein Glücksfall war, dass ihr vor einigen Jahren ein Wellpappenproduzent in Monheim eine komplette Wagenladung fehlerhafter Produktion schenkte: hart kaschierte Wellpappenstücke, bei denen auf zwei Metern Länge etwa alle 40 Zentimeter die Klebedüsen nicht ordentlich gearbeitet hatten. Mit diesem »Ausschuss«, der normalerweise sofort recycelt wird, arbeitet sie bis heute, auch kleine Stücke mit Mikrowellen waren dabei. Langsam allerdings geht der Vorrat zur Neige und die Künstlerin freut sich über Hinweise, wo sie Nachschub bekommen kann.

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Exponate von Hyacinta Hovestadt 2015 auf der Gruppenausstellung des Projekts »Bombensicher« in Düsseldorf

Skulpturen müssen nicht überleben

Hovestadt hat ihr Atelier in einem Bunker in Düsseldorf-Rath gemietet; dort kann sie ihre großen Skulpturen nicht nur formen, sondern auch aufbewahren. Diese »dürfen sich auch verändern«, sagt sie, auf die Empfindlichkeit des Materials angesprochen, das beim Transport zu Ausstellungen Schaden nehmen kann. »Ich mache keine Kunst für die Ewigkeit. Auch wir Menschen sind nicht ewig. Wir verändern uns, die Skulptur darf sich verändern, sie muss mich nicht unbedingt überleben.« Als Museumspädagogin habe sie erlebt, wie viel Zeug aus der ganzen Kunstgeschichte schon überall rumsteht, sagt sie und lacht. »Wir gehen eine Zeit lang im Kreislauf des Lebens mit und dann ist es vorbei und dann kommen andere und können die Welt wieder ganz anders sehen.« Dies ist es, was sie an der Wellpappe mag: Dass sie aus der Natur kommt, dass sie auch wieder vergehen kann. Dort, wo sie wohnt, in Erkrath, gibt es viel Natur, auch dadurch ist sie ihrem Material nähergekommen. Neulich schlug jemand vor, sie solle mit Bronze arbeiten, die könne man abstauben und sie dürfe nass werden. Das ist für Hovestadt Quatsch. »Bronze ist für die Ewigkeit, sie ist kalt und starr. Meine Arbeiten geben Wärme zurück, wenn man sie anfasst.« Ihre Formen sind auch nie geometrisch perfekt. Und durch ihre Skulpturen kann man schauen, wenn man beispielsweise in das »Keimblatt«, eine vorne offene, schwungvoll spitz nach oben strebende Skulptur hineinblinzelt, erinnert ihre florale Struktur an Gardinen.

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»Höhlung«, »Nester«, »Membran«, »Schlupf« nennt sie ihre Schalen und Stelen, die sie schon auf etlichen Ausstellungen zeigen konnte. Im Katalog zur Ausstellung »Papier/Paper global 2009« hieß es über ihre Arbeit: »Kokons, Nester, Hülsen und Höhlen sind von jeher eine Domäne der Papierkunst, benutzen doch die Tiere, die solche bergenden Unterschlupfe bauen, das gleiche Material, Pflanzenfasern und Abfälle.« Mehrfach hat sie Publikumspreise gewonnen, unter anderem bei der Ausstellung »LOKart« im rheinischen Erkrath und auf der Kunstmesse im Frauenmuseum Bonn. »Das ist für die ernste Kunstszene nicht unbedingt ein Qualitätsausweis«, amüsiert sie sich. »Kunst soll anecken, wehtun und nicht unbedingt gefallen. Meine Sachen sind aber auch schön!«

Ihre großen Werke kosten bis zu 3.500 Euro, kleinere gibt es ab 300. ver.di-Mitglied Hovestadt verhehlt nicht, dass sie wie die meisten bildenden Künstler/innen von ihrer künstlerischen Arbeit alleine nicht leben kann. Deshalb beteiligt sie sich an Schulprojekten und macht Angebote im offenen Ganztagsbereich. Dabei kommen nicht nur, aber auch Wellpappen zum Einsatz – als großformatige Malflächen, als Kisten, aus denen sich allerhand basteln lässt, bis hin zu begehbaren Hütten. Besonders Letztere kommen bei den Jugendlichen gut an.

Wellpappe ist vielseitig einsetzbar. Die wichtigsten Abnehmerindustrien sind:
(Anteil am Wellpappenumsatz 2006)

33,0 % Nahrungs- und Genussmittel
9,1 % Chemische Industrie
6,0 % Elektroindustrie
5,0 % Papier- und Druckerzeugnisse
4,0 % Gummi- und Kunststofferzeugnisse
3,1 % Landwirtschaft
3,0 % Metallverarbeitung

Quelle: Verband der Wellpappenindustrie, vdw, 2008